Teil 2
 

Im letzten Monat hast du schon einiges über Burgen im Allgemeinen gelesen. Diesmal erfährst du Genaueres über den Alltag auf einer Burg und über ihre Bewohner.
 

Alltag auf der Burg

Das Leben auf einer Burg war weit weniger romantisch, als wir es aus Ritterfilmen kennen. Die wenigen Kamine heizten nur unvollkommen die Räume, durch die an regnerischen und stürmischen Tagen der Wind pfiff. Überall gab es Ratten und anderes Ungeziefer.
Als Beleuchtung gab es nur Fackeln und den Kamin. Fackeln wurden aber so selten wie möglich verwendet, um den Ausbruch eines Feuers zu verhindern.
Alle Burgbewohner, auch die Familie des Burgherrn, arbeiteten von früh bis spät. Es gab wenig Freizeit und noch weniger Abwechslung.
Der Tagesablauf richtete sich ganz nach der Natur. Die Burgbewohner ließen sich vom ersten Vogelgezwitscher oder Hahnenschrei wecken, und der Tag dauerte, bis die Dunkelheit das Arbeiten unmöglich machte.

Um die Hygiene der Burgbewohner war es nicht sehr gut bestellt. Anders als wir heute wusch man sich auf einer Burg nicht regelmäßig. Dazu war auch das Wasser viel zu kostbar. Immerhin wuschen sich die meisten vorm Essen die schmutzigen Hände.
Baden war eine Angelegenheit der Familie des Burgherrn. Nur sie konnte sich das teure Vergnügen leisten, mit kostbarem Feuerholz Wasser zu erhitzen.
Allerdings stiegen dann gleich alle nacheinander in das gleiche Wasser.
Ein weit verbreitetes Übel waren wegen dieser Zustände Läuse und Flöhe. Regelmäßig wurde entlaust, meist jedoch erfolglos.

Die Toiletten befanden sich meist in Erkern an der Außenmauer und waren nichts Anderes als eine Steinplatte mit einem runden Loch. Die Ausscheidungen fielen einfach in den Burggraben, der deshalb immer fürchterlich stank.


Die Bewohner einer Burg

Auf einer mittleren Burg mit einem Palas (Wohngebäude) und einer Ringmauer lebten etwa 60 bis 80 Menschen. Davon gehörte ein gutes Dutzend allein zur Familie des Burgherrn, die meisten von ihnen Kinder und unverheiratete Verwandte.
Dazu kamen etwa zehn Kriegsknechte, die auf den Mauern Wache hielten.
Die Hauptarbeit auf den burgeigenen Feldern, Weinbergen und Wäldern versahen die Knechte. Ihre Frauen dienten der Burgherrin als Mägde. Pagen (Jungen aus anderen Ritterfamilien) dienten ebenfalls der Burgherrin.
Daneben gab es noch einige Handwerker, die die ständig anfallenden Reparaturen ausführten.
Weiters gab es einen Schmied, dessen Hauptaufgabe das Beschlagen der Pferde und das Reparieren der Waffen war.
Für das seelische Wohl sorgte der Burgkaplan, der meist zugleich Pfarrer der umliegenden Dörfer war.

Der Burgherr und seine Untertanen

Die Bauern arbeiteten auf den Ländereien des Herrn. Jede Familie erhielt von ihm einen Wohnplatz und dazu etwas Land, das sie selbst bewirtschaften durfte. Die Burg bot dafür Schutz, wenn Räuberbanden das Land heimsuchten, was in diesen Zeiten nicht selten vorkam.
Die Bauern mahlten ihr Getreide in der Burgmühle, sie backten ihr Brot im Backofen der Burg, und auch ihren Wein kelterten sie in der Burg.
Für den Schutz durch die Burg zahlten die Bauern mit wirtschaftlicher Abhängigkeit. Das heißt, die Bauern mussten Abgaben an den Herrn leisten. Jedes Jahr brachten sie ihm einen Teil ihrer Ernte und einige Tiere aus ihrer Herde. Ohne dafür bezahlt zu werden, mussten sie Gräben, Straßen und Mauern ausbessern und in den Wäldern Holz fällen.
Reisende mussten für die Benützung der Straßen und Brücken an den Burgherrn Wegzoll bezahlen.
Der Burgherr war auch Gerichtsherr und damit Herr über Leben und Tod seiner Untertanen. Die Strafen waren oft hart und grausam.


Die Burgherrin

Die Burgherrin leitete den Haushalt und überwachte die Arbeiten auf den Ländereien, wenn der Burgherr unterwegs war. Sie trug dafür Sorge, dass immer genügend Vorräte vorhanden waren. Sie kannte sich mit Heilkräutern aus, die bei Krankheiten halfen. An den Jagdgesellschaften nahm sie teil und wohnte auch den Turnieren bei.
Die Herrin beherrschte die noch wenig verbreiteten Künste des Lesens und des Rechnens und erzog ihre Töchter ebenso. Da das von den Söhnen nicht unbedingt erwartet wurde, waren die Frauen in der damaligen Zeit in der Regel gebildeter als die Männer.
Im Winter kümmerte sich die Burgherrin auch um die Herstellung warmer Kleidung.


Kinder aus Ritterfamilien

Neugeborene wurden nicht von der Mutter selbst versorgt. Es ziemte sich nicht, die eigenen Kinder selbst zu stillen. Dafür gab es eine Amme, und zahlreiche Dienerinnen umsorgten das Baby.
Ein Junge verließ mit sieben Jahren seine Mutter. Er wurde Page in einer benachbarten Burg und diente der dortigen Herrin. Mit vierzehn Jahren wurde er Knappe eines Ritters. Mit 21 Jahren wurde er zum Ritter geschlagen.
Mädchen wurden auf der heimatlichen Burg hauptsächlich von der Mutter erzogen und unterrichtet. Sie lernten weben, nähen und sticken, aber auch reiten, mit Falken jagen, tanzen, singen und auch lesen und schreiben und rechnen. Sie wurden schon sehr früh einem jungen Mann versprochen. Mit 15 Jahren wurden sie verheiratet.

Schulen wie heute gab es nur im Kloster. Dorthin wurden die Söhne und Töchter von Burgherrn aber nur geschickt, wenn sie Mönche oder Nonnen werden sollten.


 

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