K n i r p s   a u f   A b w e g e n

( T e i l   1)
 

An einem sonnigen Frühlingstag durfte eine kleine Rasenameise zum ersten Mal das Erdnest verlassen, in dem sie lebte. Sie war nun alt genug, um mitzuhelfen, Futter für ihr Volk zu sammeln. Knirps, so hieß die kleine Ameise, war darauf sehr stolz. Sie wusste, die Futtersammlerinnen wurden von allen sehr geschätzt. Außerdem macht es bestimmt viel mehr Spaß, draußen herumzulaufen, als ständig das Nest zu putzen, überlegte sie. Sie konnte es daher kaum erwarten, bis es losging. Ungeduldig trat sie von einem Fuß auf den anderen. Endlich war die Gruppe vollzählig.
„Bleibt alle dicht zusammen“, verlangte die Anführerin. „Das gilt besonders für dich, Knirps. Denk daran, für eine einzelne Ameise ist es draußen sehr gefährlich.“ Knirps nickte. Na klar, das wusste sie doch schon.
Dann ging es los. In einer Reihe marschierten die braunen Ameisen aus ihrem Erdnest hinaus auf die Wiese. Knirps blickte staunend um sich. Sie liefen durch einen Wald aus grünen Halmen. Diese waren viel höher als sie selbst. Was ist das wohl, grübelte Knirps.
„Das ist doch nur Gras“, erklärte ihr eine Ameise gelangweilt. „Jetzt lauf weiter!“
Doch das war einfacher gesagt, als getan. Ein großer Stein lag auf der Ameisenstraße. Knirps kam er so hoch wie ein Berg vor. Ächzend und stöhnend krabbelte sie über ihn hinweg. Die Anführerin blickte Knirps freundlich an.
„Gut gemacht“, lobte sie. Die kleine Ameise strahlte vor Freude und lief glücklich weiter.
Bald hatten sie ihr Ziel erreicht.
„Ausschwärmen und Futter suchen!“, befahl die älteste Ameise. „Nur Knirps bleibt bei mir.“
Wie langweilig, ärgerte sich die kleine Ameise. Sie wollte unbedingt allein auf Entdeckungsreise gehen. Daher passte sie einen Moment ab, in dem
die Anführerin sie nicht im Blick hatte, drängte sich zwischen einigen Gräsern hindurch und machte sich davon. Geschafft, freute sie sich. Mal gucken, was es hier Spannendes zu entdecken gibt. Bald fiel ihr eine Pflanze auf. Sie hatte längliche Blätter, die an den Rändern ausgezackt waren. Knirps legte den Kopf in den Nacken, um die hohen Löwenzahn-Blüten anzusehen. Dabei bemerkte sie an manchen Stängeln dicke, weiße Kugeln. Klasse, dachte Knirps. Das ist bestimmt leckere Zuckerwatte. Die hole ich mir. Und schon kletterte sie an einem Stängel nach oben. Das war gar nicht so einfach. Die Pflanze bewegte sich im Wind, und die kleine Ameise musste sich gut festhalten, um nicht herunterzufallen. Als sie oben angekommen war, biss sie hungrig in die Kugel hinein.

Doch sofort verzog sie das Gesicht und spuckte das weiße Zeug wieder aus. Igitt, das schmeckt ja scheußlich, meckerte sie. Was ist das bloß? Nee, so was esse ich nicht, beschloss Knirps. Sie wollte gerade wieder herunterklettern, als ein kräftiger Windstoß die Pusteblume traf. Erschrocken hielt sich Knirps fest. Doch schon spürte sie, wie sich die einzelnen Fäden lösten. Sie flogen davon – auch der Faden, an dem Knirps hing. Verzweifelt klammerte sich die kleine Ameise fest. Weit unter sich sah sie die Wiese und einen kurzen Moment lang auch die erwachsenen Ameisen, die nach ihr suchten. Wie gerne wäre sie jetzt bei ihnen gewesen. Doch sie flog und flog, es kam ihr endlos lange vor, bis der Faden wieder zu Boden sank. Zum Glück landete sie auf weichem Gras und tat sich nicht weh. Doch als sie merkte, dass sie quer über die Wiese bis zum Waldrand geflogen war, brach sie in Tränen aus. Ich werde nie wieder zurückfinden, heulte Knirps.
„Na, na“, hörte sie da eine leise Stimme flüstern. Knirps hob den Kopf. Vor ihr saß ein kleines Tier auf einem Blatt. Es trug ein Haus auf dem Rücken. „Wer bist du denn?“, fragte Knirps.
“Ich bin eine Schnecke“, erklärte das Tier. „Ich wollte gerade etwas essen, als du vom Himmel gefallen bist.“
Sofort erinnerte sich Knirps wieder an ihr Unglück, und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. „Ich werde meine Familie niemals wieder sehen“, schluchzte sie.
„Ach Quatsch“, tröstete die Schnecke. „Du hast doch Beine und kannst zurücklaufen.“
„Das stimmt“, gab die kleine Ameise zu. „Kommst du mit? Allein fürchte ich mich.“
„Das geht nicht“, bedauerte die Schnecke. „Ich kann nur langsam kriechen und würde dich aufhalten. Außerdem habe ich großen Hunger.“ Sie kroch ein kleines Stück zur Seite und begann zu fressen. Die Schnecke winkte Knirps zum Abschied zu, dann knabberte sie weiter an ihrem Blatt. Knirps machte sich auf den Weg. Ihr Herz klopfte vor Angst, denn sie erinnerte sich an die Warnung der Anführerin.

 

Wird Knirps den Weg nach Hause finden? Und welche Abenteuer wird sie dabei erleben?
Wenn du wissen möchtest, wie die Geschichte weitergeht, schau doch nächsten Monat wieder herein!

 

 


 

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 Inhalte von Eva Hensely
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