November 05
 

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Wie die Sonne ins Land Malon kam
 


 

Malon, so heißt das Land, von dem ich euch erzähle. Es liegt hinter sehr hohen Bergen versteckt.
Die Sonne, sie stieg niemals über die Bergspitzen. So war es in diesem Land immer Nacht, stockdunkle Nacht.
Die Malonen aber – so hießen die Einwohner dieses Landes – trugen immer Windlichter mit sich herum. So hatten sie wenigstens ein bisschen Helligkeit in ihrer Finsternis.
Die Malonen waren schon sehr eigenartige Leute. Jeder von ihnen wohnte ganz allein in einem Haus. Und jedes Haus war von einer hohen Mauer umgeben.
Kein Malone mochte den anderen leiden; keiner war mit dem anderen befreundet. Jeder misstraute dem nächsten und war ihm neidig.
Eines Tages kam ein Wanderer nach Malon, das Land hinter den Bergen. Die Malonen waren darüber sehr verwundert. Keiner von ihnen konnte sich erinnern, dass jemals ein Fremder zu ihnen gekommen war.
Der Wanderer war auch sehr erstaunt über die eigenartigen Leute und über das Land, in dem keine Sonne schien und jeder Tag so stockfinster war wie die Nacht.
Der Wanderer fragte: „Wo ist die Sonne?“
Einer der neugierigen Malonen, die sich um den Wanderer versammelt hatten, fragte: „Was ist das, Sonne?“
Die anderen murmelten: „Haben wir nie gehört.“
Nur ein uralter Malone erinnerte sich, schon einmal davon gehört zu haben und sagte: „Ja, ja, das ist das große Windlicht, die große Himmelslampe, die am Himmel schwebt. Erzähl uns was von dieser Himmelslampe, von der Sonne!“
Da fing der Wanderer an zu erzählen: „Die Sonne ist wie eine helle gelbe Scheibe. Jeden Morgen steigt sie leuchtend am Himmel auf. Ihre wärmenden Strahlen wecken die Vögel in den Nestern. Singend und jubilierend begrüßen sie den neuen Tag, sein helles Licht.
In der Sonne öffnen sich die Knospen und Blüten der Bäume und Sträucher und lassen ihren süßen Duft verströmen.
Die Sonne lockt das grüne Gras aus dem Boden.
Die Königin der Blumen, die Sonnenblume, dreht ihr Gesicht dem Licht, der Sonne zu.
Die Buben und Mädchen reiben sich in der Morgensonne den Schlaf aus den Augen. Sie sagen: ‚Gott sei Dank, heute scheint wieder die Sonne.’ Sie spüren die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Sie werden ganz braungebrannt im Sonnenlicht und springen voll Freude im Freien herum.“

So wusste der Wanderer den Malonen wunderschöne Sonnengeschichten zu erzählen. Und die Malonen – stellt euch vor – kamen alle aus ihren Häusern mit den hohen Mauern heraus, um zuzuhören.
Sie setzten sich rund um den Tisch, an dem der Wanderer saß, der von der Sonne sprach.
Ja, sie bauten ein großes Haus, ein Versammlungshaus. Da saßen sie bald Tag und Nacht und lauschten den Geschichten.
Sie bekamen ein Verlangen, eine Sehnsucht nach Helligkeit, nach Wärme, nach der Sonne.
Aber es blieb dunkel.
Eines Tages wollte der Wanderer weiterziehen. Er war lang genug in Malon gewesen. Er sagte: „Wenn man von der Sonne erzählt, muss man sie immer wieder sehen, sonst wird ihr Bild in einem ganz schwach, es verblasst.“
So zog der Wanderer fort. Die Malonen waren sehr traurig darüber. Wer sollte ihnen nun von der Sonne erzählen?
Was sollten sie überhaupt jetzt tun?
Sollten sie wieder in ihre Häuser zurückkehren, jeder hinter seiner hohen Mauer verschwinden?
Nein, das wollten sie nun nicht mehr. Das hätte sie wieder so einsam gemacht.
Beisammensein, miteinander reden und essen, einander helfen – das fanden sie nun viel schöner.
Auch gaben die vielen Windlichter mehr Schein als nur eines. So blieben sie beisammen und arbeiteten miteinander.
Jeden Morgen riefen sie gemeinsam nach der Sonne:

Sonne, liebe Sonne fein,
komm mit deinem hellen Schein,
komm in unser Haus hinein,
Sonne, liebe Sonne fein!

Das riefen sie täglich. Da, eines Tages passierte das Wunder. Es wurde hell und heller im Versammlungshaus der Malonen. Sie dachten: Was ist das nur?
Da sahen sie hinter den Bergen eine leuchtende Scheibe empor steigen.
Die Scheibe leuchtete zunächst rot wie eine aufgeschnittene Blutorange, dann wurde sie gelb, und als sie hoch am Himmel stand, glänzte sie wie pures Gold.
Die Malonen riefen alle durcheinander: „Schaut, das ist sie, das muss sie sein! Das ist die Sonne!“
Und von diesem Tag an ging im Land Malon die Sonne jeden Morgen auf und brachte Glück und Freude in die Herzen der Menschen.

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