Die Geschichte des Monats:


Ritter Griesbart und sein Drache


Ritter Griesbart von der Tann hatte schon zehn Jahre seines Lebens damit verbracht, einen dreiköpfigen Drachen zu jagen. Seine Rüstung hatte dabei so manche Delle davongetragen, und der Drache hatte so manchen Kopf verloren. Aber die beiden jagten immer aufs Neue hintereinander her. Tagaus, tagein.
Eines Morgens tauchte Ritter Griesbart wie immer in blank geputzter Rüstung und mit scharf geschliffenem Schwert vor der Höhle des Drachen auf und begann, den Drachen zu beschimpfen.
“Heda! Ekelhafter Erdwurm!“, brüllte der Ritter. „Feuer speiender Menschenfresser, widerlicher Wiesenwühler! Dein Bezwinger ist gekommen. Wohlan, stell dich dem ritterlichen Kampf!“
Der Drache steckte einen seiner gewaltigen Köpfe aus der Höhle, blies ein paar Rauchwölkchen in Griesbarts Richtung und gähnte.
“Nein“, knurrte er. „Ich habe keine Lust!“
Dem edlen Ritter fiel vor Schreck der Schild aus der Hand.
“Aber, aber…“, stotterte er. „Was soll das heißen? Bist du etwa krank?“
“Nein, ich hab einfach keine Lust mehr.“
Damit drehte sich der Drache um und trottete in seine Höhle zurück.
“Hey, bleib hier!“, brüllte der Ritter ihm nach. „Was ist mit morgen?“
“Gar nichts ist mit morgen!“, fauchte der Drache. „Ich bin diese alberne Jagerei leid. Mach, dass du in deine Burg kommst! Auf Nimmerwiedersehen!“
Und schon war er im Dunkel der Höhle verschwunden.
Fassungslos starrte Ritter Griesbart auf sein nutzloses Schwert.
Was nun? Wo sollte er jetzt einen neuen Drachen herbekommen? Wozu war ein Ritter denn nutze, der hinter nichts und niemandem herjagte? Eine lächerliche Blechfigur war er, nichts weiter.
In Ritter Griesbarts breiter Brust mischten sich Wut und Verzweiflung.
“Komm raus!“, schrie er mit bebender Stimme. „Komm raus, du elender Feigling! Du Drückeberger! Du faules Drachenluder! Schuppiges Scheusal! Gemeiner Verräter!“
Nichts rührte sich. Der Drache streckte nicht mal die Nasenspitze raus.
Ritter Griesbart sprang mit wildem Gebrüll vom Pferd und stürmte mit gezogenem Schwert in die Drachenhöhle. Schimmernd lag der Drache in  der Dunkelheit.

Er hatte gerade einen Bären in die Ecke gedrängt, den er zu verspeisen gedachte.
“Kämpfe!“, schrie der edle Ritter und piekste in den Drachenschwanz. „Kämpfe, Elender! Dein Ende ist nahe!“
“Ach, lass das dumme Geschwafel“, grummelte der Drache. „Ich kann’s nicht mehr hören. Und lass endlich meinen Schwanz in Ruhe, sonst werde ich ernsthaft böse!“
Da ließ Ritter Griesbart sein Schwert auf den Höhlenboden fallen. Er wusste nur zu gut, dass er dem Drachen nichts anhaben konnte. Unverwundbar war dieses Vieh, absolut unverwundbar.
Gut, man konnte ihm Köpfe abschlagen. Aber die wuchsen ihm schnell wieder nach. Und das Drachenblut, das dabei herumspritzte, ätze Löcher in die beste Rüstung.
Tränen tropften in Ritter Griesbarts Helm.
“Stell dich nicht so an“, knurrte der Drache. „Was ist, wenn dich deine Kollegen so sehen?“ 
“Ich werde mich in meinem Burggraben ertränken!“, schluchzte Ritter Griesbart. „Fürwahr, das werde ich.“
Der Drache seufzte und schüttelte seine drei Köpfe.
“Blechener Blödsinn. Du kannst froh sein, dass ich so gutmütig bin. Ich hätte dich längst fressen sollen. Na ja, komm mit!“
Er schubste den schluchzenden Ritter zum Höhlenausgang.
“Roderich!“, brüllte der dreiköpfige Drache. „Roderich, komm mal her!“
Es raschelte im Gebüsch und heraus kugelte ein kleiner Drache, feuerrot und kaum größer als ein Hund:
“Grrr!“, knurrte er und spie Griesbart eine winzige Stichflamme vor die Beinschienen.
“Lass das!“, fauchte der dreiköpfige Drache. „Darf ich vorstellen? Mein missratener Neffe Roderich. Er ist nicht besonders groß und hat nur einen Kopf, aber er ist ganz wild auf Ritter. Nicht wahr, Roderich?“
“O ja, o ja!“, quäkte der kleine Drache, schnappte nach einer Fliege und grinste, wobei er gleichzeitig an Griesbart herumschnupperte.
Der Ritter seufzte.
“Wächst der noch?“, fragte er.
“Klar!“, sagte der dreiköpfige Drache. „In fünfzig Jahren ist er bestimmt schon so groß wie ein Schwein.“
Ritter Griesbart seufzte noch einmal.
“Los, los, Ritter!“, drängte Roderich und wedelte mit seinem stacheligen Schwanz. „Worauf wartest du?“
Er
spuckte Griesbart auf die Schuhe und hüpfte aufgeregt davon.
“Wohlan“, murmelte Griesbart von der Tann. „Ein Kopf ist besser als nichts.“
Dann ging er mit schweren Schritten zu seinem Pferd, stieg auf und trabte hinter seinem neuen Drachen her.


 

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