Die Geschichte des Monats:

Uroma und der Urzeittiger


"In der Schule haben wir über Stress gelernt", sagt Max zu seiner Uroma, die traurig im Lehnstuhl am Fenster sitzt, den eingegipsten rechten Arm in einer Schlinge. Seit ihrem Unfall wohnt sie bei Max und seinen Eltern.
"Über Stress, so so", murmelt sie.
"Der Stress ist sozusagen ein Säbelzahntiger aus der Urzeit", erzählt Max. "Damals war es Stress für den Urmenschen, wenn plötzlich ein Säbelzahntiger aus dem Busch gesprungen ist. Fortrennen oder den Tiger mit der Keule niederschlagen? Für eins von beidem musste sich der Urmensch blitzschnell entscheiden. Und darauf war auch sein Gehirn eingerichtet. alle Kräfte in seinem Körper waren auf Kämpfen oder Flüchten eingestellt, nicht auf Nachdenken und Grübeln."
"Kann ich mir vorstellen", sagt die Uroma.
"Ja, aber unsere Lehrerin sagt, wir Menschen machen es auch heute noch so wieder Urmensch! Nur dass es kein Tiger mehr ist, der uns aufregt und Angst einjagt, sondern beispielsweise eine Schularbeit. Leider kann man bei einer Schularbeit nicht davonrennen, man kann auch die Lehrerin nicht niederknüppeln, man muss den Stresstiger anders bekämpfen: mit Wassertrinken und Gutdurchatmen und Stirn-in-die-Hände-Legen. Die Lehrerin bringt uns solche Anti-Stress-Übungen bei, weißt du?"
"Interessant, was du da erzählt hast vom Urzeittiger", sagt die Uroma zu Max. "Ich glaube, ich habe auch einen."
Sie deutet mit dem Kinn auf ihren eingegipsten Arm. "Da, der Gips, das ist mein Stresstiger. Er knurrt und jagt mir Angst ein. Dauernd erinnert er mich daran, was ich alles nicht kann: mir selber die Strümpfe anziehen, mir was kochen, selber essen."
"Stimmt nicht!", sagt Max. "Du bist mit der linken Hand schon sehr geschickt. Heute Abend hast du die Suppe gelöffelt, ohne zu patzen."
"Ist mir gar nicht aufgefallen", murmelt die Uroma.
"Sag doch 'kusch' zu deinem Stresstiger, wenn er wieder knurrt", schlägt Max vor.
"Kusch ...! Kling ein bisschen unfein", brummt die Uroma. "Ich habe noch nie in meinem Leben zu irgendjemandem 'kusch' gesagt. Nicht einmal zum Hund meiner Nachbarin."
"Vielleicht versteht der Urzeittiger nur was Kräftigeres?", fragt Max. "Kusch, Bestie! Halt's Maul, marsch fort, zieh ab, verdufte, hau dich über die Dächer, du Sch...!"
"Halt!", sagt die Uroma. Vielleicht könnte ich mir 'kusch, Bestie' angewöhnen."
"Und das sagst du jedes Mal, wenn der Tiger knurrt. Soll ich dir einen Stresstiger auf deinen Gips zeichnen?"
"Wenn du meinst", sagt die Uroma.

Max holt seine Filzstifte, bettet den Gipsarm der Uroma auf ein Kissen und fängt vorsichtig zu zeichnen an. Er zeichnet zwei Bilder. Im ersten Bild streckt die Uroma die Hand gegen einen gelbschwarz gestreiften Tiger aus. In der Sprechblase vor dem Mund der Uroma steht mit vielen bunten Rufzeichen: KUSCH!!! Im zweiten Bild schleicht der Tiger fort, mit einwärts gedrehten Pfoten und verdutztem Gesicht. In der Knurrblase vor seinem Maul stehen kleine, zittrige Buchstaben: Mist, hier bin ich nicht gefragt!
"Schön?", fragt Max.
"Originell", murmelt die Uroma. "Mein Arzt wird sich wundern."
Die Tür geht auf. Der Vater fragt: "Willst du nicht die Nachrichten sehen, Uroma?"
Doch, das will sie, wie jeden Abend. Diesmal interessiert sie sich besonders fürs Wetter. Für den morgigen Samstag verspricht die Fernseh-Wetterfrau sonniges Wetter.
Der Vater seufzt.
"Warum plant ihr keinen Ausflug, ihr drei?", fragt er die Uroma. "Sonne im November - das müsst ihr nützen!"
"Mm - und du?", fragt der Vater.
"Ich würde euch bitten, dass ihr mir einen Teller mit Butterbroten herrichtet, das Brot in kleine Bissen geschnitten - und dass ihr am Abend von einer Pizzeria was Warmes mitbringt, für uns alle. Ich lade euch ein."
"Ja, aber -", sagt die Mutter überrascht. "Ist das nicht Stress für dich - zu wissen, dass du ohne Hilfe -"
"Ich sag's euch nachher, ob es Stress war", antwortet die Uroma.
"Wir könnten die Viktoria mitnehmen!", ruft Max.
"Gute Idee!", sagt die Uroma.
Am nächsten Tag fühlt sich die Uroma gar nicht so schlecht. Beinahe wirklich gut - behauptet sie. Der Vater streicht Butterbrote. Er dreht Wurstscheiben zu kleinen Röllchen. Er schnipselt Käse in Würfel und steckt in jeden Würfel einen Zahnstocher. Sehr appetitlich sieht der Teller aus.
Max hängt zwei Meisenringe vor das Fenster von Uromas Zimmer. Er stellt drei Gläser voll Wasser und eine Tasse Tee auf das Fensterbrett.
Die Mutter bringt ein Tablett mit Mini-Schokorollen aus der Konditorei.
"Und du meinst wirklich, dass wir dich allein lassen können, Uroma?"
"Ja", sagt sie und gähnt ganz laut. "Ich werde hier in meinem Lehnstuhl ein bisschen schlafen und nachher die Meisen beobachten."
Als Viktoria an der Tür klingelt, schläft die Uroma bereits. Man kann sogar ihr Schnarchen hören.
Der Vater legt den Finger auf die Lippen. "Leise", sagt er zu den Kindern.
"Geht schon einmal voraus", flüstert die Mutter.
Sie bleibt noch eine Weile stehen und horcht. Das Schnarchen, vermischt mit Pfeiftönen, hat aufgehört. Ein sonderbares Zischen tönt aus dem Zimmer, ein fast unhörbares Wispern. Redet die Uroma im Schlaf?
Die Mutter strengt ihre Ohren an, aber sie glaubt nicht recht, was sie gehört hat. Es kann doch nicht sein, dass die Uroma immer wieder "Kusch, Bestie!" zischt?


 

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 Inhalte von Eva Hensely
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