|

Die Geschichte des Monats:
Ist ja auch nichts für ein
Mädchen
Eigentlich hatte es ganz friedlich angefangen. Jürgen war über den Zaun
gesprungen und Anke ihm nach.
„Prima!“, sagte er. „Aber jetzt kommst du nicht mehr drüber.“ Und er hatte
einen Stock oben über die Pfähle gelegt. „Das ist zu hoch für dich.“ Anke
schaffte es aber doch.
„Na ja“, sagte Jürgen. Dann rannten sie los. Anke war schneller. Sie
standen da, keuchten und schnappten nach Luft u nd
Jürgen war sauer.
Anke lachte. „Ruh dich aus“, sagte sie und setzte sich ins Gras. Jürgen
kaute auf einem Holzspan herum und spuckte ihn aus. Er starrte in die
Ferne. „Für ein Mädchen bist du ganz gut“, sagte er. „Aber wenn wir einen
Ringkampf machen, verlierst du.“ Anke zuckte die Achseln.
„Traust du dich aber sowieso nicht“, sagte Jürgen.
„Schon“, sagte Anke.
„Überhaupt nicht“, sagte Jürgen. „Ein Ringkampf ist auch gar nichts für
ein Mädchen.“ Anke stand auf. „Geh’n wir?“, fragte Jürgen.
„Wenn du unbedingt willst …“
„Was?“, fragte Jürgen.
„Na,
den Ringkampf“, sagte Anke. „Aber wenn ich dir weh tue, dann heulst du“,
sagte Jürgen.
„Nein, du heulst! Du Plüschtiger!“, entgegnete Anke.
Und dann packten sie sich. „Wer mit beiden Schulterblättern auf die Erde
kommt, hat verloren!“, rief Jürgen. Er versuchte, Anke seitlich hinunter
zu drücken. Doch sie wand sich aus seinen Händen. Beim zweiten Versuch
stieß er ihr von hinten sein Bein in die Kniekehlen.
„Das ist gemein!“, schrie Anke erbost. Jetzt legte Jürgen einen Arm um
Ankes Hals und wollte sie nach oben wegziehen, damit sie den Kontakt zum
Boden verlor. Aber das schaffte er nicht. Er ließ los und fing an, Anke zu
kitzeln. |
Da wurde das Mädchen wütend. Sie
schmiss sich voll auf Jürgen. Als sie unter seinem Arm durchgriff spürte
sie, dass sie stärker war. Sie duckte sich leicht und auf einmal hatte sie
Jürgen über ihre Schulter
geworfen. Er lag da und sie kniete auf ihm. Das war so schnell gegangen,
dass Anke gar nicht wusste, wie sie das geschafft hatte. Jürgens Gesicht
war vor Wut verzerrt. „Beide Schulterblätter auf der Erde“, schrie Anke.
„Gewonnen!“
„Lass mich los“, sagte Jürgen, und als Anke nicht sofort reagierte: „Hörst
du – du sollst mich loslassen!“
“Ich hab gewonnen“, wiederholte Anke. „Gibst du’s zu?“ Sie sprang zur
Seite. Jürgen stand vom Boden auf und klopfte sich die Kleider ab.
“Gar nichts hast du. Nichts geb ich zu“, sagte Jürgen trotzig.
„Du bist gemein!“, schrie Anke. „Ich habe ganz fair gesiegt. Ich bin
stärker als du!“
„Ich würd lieber den Mund halten“, sagte Jürgen. „Du solltest damit nicht
angeben. Oder findest du das toll für ein Mädchen?“

„Wieso?“, fragte Anke etwas unsicher.
„Na ja“, sagte Jürgen. „Du willst doch wohl nicht Boxer oder Preisringer
werden?“ Er saß auf einem Stein und zupfte an seinem Strumpf herum. Er
grinste. „Das Mädchen, das jeden schlägt“, sagte er spöttisch. Die Frau
mit den eisernen Fäusten. Glaubst du, dass sich für so eine jemals ein Bub
interessiert?“
Anke blickte ihn an und schwieg. „Du kannst natürlich auf dem Jahrmarkt
Geld verdienen. Als Muskeltante“, bohrte Jürgen immer weiter. „Einen Mann
kriegst du sowieso nicht. So was mag doch keiner.“
„Rutsch
mir doch den Buckel runter!“, sagte Anke. Sie drehte sich um und ging weg.
Tränen schossen ihr in die Augen. Es war mehr aus Wut.
„He!“, rief Jürgen und sprang auf. „Wohin willst du denn? Bleib doch! Ich
hab’s doch nicht so gemeint, ich mag dich doch!“
Aber das hörte Anke schon nicht mehr. |