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Die Geschichte des Monats:
König Richard Löwenherz
in Dürnstein
Eine Sage aus Niederösterreich
Vor vielen hundert Jahren, als während
der Kreuzzüge große Heerscharen ins Morgenland auszogen, um die heiligen
Stätten der Christenheit zu erobern, befanden sich unter den Kreuzfahrern
auch Richard Löwenherz, der König von England, und Herzog Leopold V.
der
Tugendhafte von Österreich.
Bei der Belagerung der starken Feste Akkon im Jahre 1192 geschah es, dass
König Richard Herzog Leopold zutiefst beleidigte. Die Österreicher hatten
nämlich ihre Fahne auf einem eroberten Wall aufgepflanzt, König Richard
aber ließ das Feldzeichen der Österreicher herunter reißen, warf es in den
Schmutz und zog auf dem Wall seine eigene Fahne auf. Herzog Leopold fühlte
sich - nicht zu Unrecht - schimpflich gedemütigt und vergaß Löwenherz
diese Tat nie. Im Geheimen schwor er dem König ewige Rache.
Bald darauf verließ der Herzog mit seiner Gefolgschaft das heilige Land
und kehrte in die Heimat zurück. Aber auch die übrigen Kreuzfahrer blieben
nicht mehr
lange
im Morgenland. Eine Seuche war ausgebrochen und hatte viele Todesopfer
gefordert. König Richard wählte den Seeweg zur Heimreise, doch ein Sturm
verschlug ihn an die Küste des Adriatischen Meeres, und es blieb ihm
nichts Anderes übrig, als durch das Land deines Todfeindes Leopold von
Österreich die Weiterreise zu wagen. Er verkleidete sich als armer Pilger,
und an einem stürmischen Winterabend langte er im Dorf Erdberg vor Wien
an. Der Hunger zwang ihn und seine Begleiter, eine kleine Herberge
aufzusuchen. Um nicht erkannt zu werden, benahm sich König Richard wie ein
einfacher Pilger. Aber der hohe Herr hatte vergessen, das s
ein wertvoller Ring an seinem Finger blitzte, und arme Pilger haben
gewöhnlich keine solchen Besitztümer.
Der Koch wurde misstrauisch und besah sich den Mann im schmutzigen Kittel
näher. Zu allem Unglück für Löwenherz hockte in der Schenke ein alter
Krieger, der mit Herzog Leopold im Heiligen Land gewesen war. Diesem alten
Krieger kam der Pilger bekannt vor, er lugte genauer hin und erkannte
plötzlich den König der Engländer. Sofort flüsterte er seine Entdeckung
dem Koch zu.
Nichts Böses ahnend blickte Richard auf, als der Koch zu ihm trat. Der
König aber war nicht wenig erschrocken, als er sich mit "Erlauchter Herr"
angeredet hörte.
"Ergebt Euch, Herr, denn es ist zwecklos, wenn Ihr Euch zur Wehr setzt",
sprach der Koch. |
König Richard hatte sich rasch gefasst,
ließ sich von seinem Schreck nichts anmerken und stellte sich so, als
verstünde er kein Wort von dem, was der andere sagte. Der Koch aber hielt
ihm
vor, er sei der König von England, alles Leugnen nütze ihm nichts, man
habe ihn erkannt.
Als Richard sah, dass er in der Falle saß, schlug er ruhig seinen Mantel
um sich und rief stolz: "Gut! Dann führt mich zum Herzog. Ihm allein will
ich mich ergeben!"
Noch am gleichen Tag wurde er als Gefangener Leopolds in die Hofburg
gebracht. Bald darauf ließ ihn der Herzog insgeheim auf die Burg Dürnstein
in der Wachau führen und dort einsperren.
Monatelang war der König nun ein Gefangener im Burgverlies der
mächtigen Festung. In England konnte man sich nicht vorstellen, was ihm
zugestoßen war und suchte vergeblich nach seinem Aufenthalt. Nach einiger
Zeit begann man allmählich, an seinen Tod zu glauben. Sein Bruder
John wurde als König ausgerufen, und bald vergaßen viele Engländer auf
ihren unglücklichen früheren König.
Einen Mann aber gab es in England,
der
an den Tod seines Herrn nicht glauben wollte, das war des Königs treuer
Sänger Blondel. Er nahm die Laute und brach auf, um seinen verschollenen
Herrn zu suchen. Das war nun wohl eine mühselige Reise, aber Blondel gab
den Mut nicht auf, so aussichtslos die Suche auch schien. Er zog von Stadt
zu Stadt, von Burg zu Burg und sang an allen Höfen, in allen Schlössern,
vor Rittern und Herren. Aber nirgends erhielt er Kunde vom Schicksal
seines Herrn.
Eines Tages kam der Sänger bis nach Dürnstein. Er glaubte schon selbst
nicht mehr so recht an den Erfolg seiner
Mission.
Traurig und hoffnungslos wanderte er den Hügel hinauf, setzte sich vor die
mächtigen Mauern der Burg, sah in das Tal der Donau hinab und stimmte sein
Lied an. Es war eine Melodie, die nur sein Herr kannte. Vor der Fahrt ins
Morgenland hatte Blondel vor ihm zum letzten Mal dieses Lied gesungen. Als
der Spielmann die erste Strophe beendet hatte, wurde er so schwermütig,
dass er kein Wort mehr herausbrachte und schweigend vor sich hin starrte.
Da war es ihm, als hörte er aus den Tiefen der Burg eine Antwort, leise
und dumpf nur, aber doch klar verständlich. Gebannt lauschte der treue
Sänger. Es war keine Täuschung! Sein Herr sang die zweite Strophe des
Liedes!
Nun wusste Blondel, dass der König noch lebte, und er wusste auch, wo er
gefangen war. Der Spielmann eilte zurück nach England, verkündete überall
das Schicksal seines Herrn und ruhte nicht eher, bis dieser gegen ein
hohes Lösegeld freigelassen wurde.
Im Frühjahr 1193 durfte Richard Löwenherz endlich zurückkehren in seine
Heimat. |