|
Die
Geschichte des Monats:
Meta Morfoss
Meta Morfoss war ein kleines Mädchen, welches die Angewohnheit hatte, sich
dauernd zu verwandeln.
Manchmal verwandelte sie sich in eine Muschel und lag ganz still im Algenw ald
und träumte im warmen Unterwasser vor sich hin.
Wenn dann die Jungen im Teich tauchten und versuchten die Muschel an die
Oberfläche zu holen, klappte sie ihre Schalen zusammen und sagte ein
bisschen furchtsam: „Aber ich bin doch die Meta!“
Oder sie verwandelte sich in einen Engel und flog mit langsamen
Flügelschlägen durch
den Abend. Dann konnte es vorkommen, dass sie einem Flugzeug begegnete und
der Kapitän sehr erstaunt zu sich sagte: „Merkwürdig, hier fliegt ein
Engel.“ Und er starrte so angestrengt zum Fenster hinaus, dass das Fugzeug
zu schwanken anfing. Und Meta rief ihm hinterher: „Aber ich bin doch die
Meta!“
Oder sie verwandelte sich in eine Dampflokomotive und wog 100 Tonnen und
raste mit ungeheurem Getöse die Schienen entlang. Es ist doch aber so,
dass die Eisenbahnschienen für die ordentlichen Züge bestimmt sind, die
mit Gütern oder Reisenden unterwegs sind, und die Eisenbahnverwaltung hat
schließlich einen genauen Fahrplan ausgerechnet, damit die Züge niemals
zusammenstoßen. Die Z ugführer erschraken daher nicht wenig, wenn sie auf
dem eigenen Gleis eine Lokomotive auf sich zudampfen sahen, die nicht im
Fahrplan stand und auch vom Bahnwärter nicht gemeldet war. Natürlich
verwandelte sich Meta immer rechtzeitig in das kleine Mädchen zurück, das
sie wirklich war, und sie sprang vom Bahndamm und erläuterte mit einem
allerhöflichsten Knicks: „Aber ich bin doch die Meta!“
Aber was nützte das
denn noch? Wenn es auch mit knapper Not kein Unglück gab, die Zugführer
hatten doch einen bösen Schreck bekommen.
Man muss also ehrlich zugeben, dass
Meta Morfoss den Menschen eine Menge
Schwierigkeiten bereitete. Sie meinte es gewiss nicht böse. Nur verwandeln
sich eben die meisten Leute sehr selten in eine andere Sache und wer das
schon unbedingt tun muss, sollte gelegentlich darüber nachdenken, ob er
nicht stört. |
Meta lebte zusammen mit ihren Eltern
und einer Tante, die einen Schnurrbart hatte und deswegen Herr Maffrodit
hieß, in einem kleinen Haus am Rande des Stadtparks.
Metas Eltern hatten sich an die seltsame Eigenschaft ihrer Tochter schon
einigermaßen gewöhnt – seit jenem ersten Mal, wo sie, anstatt eines
Säuglings, eine Wärmeflasche im Kinderbettchen gefunden hatten, die mit
einer glucksenden Gummistimme erklärt hatte: „Binna Meta!“
So wunderten sich die Eltern über gar nichts mehr.
Aber eines Abends ereignete sich eine ganz ungewöhnliche Geschichte.
Es gab nämlich in der Stadt einen besonders schlecht erzogenen jungen
Mann, der sich abscheulicherweise in mondlosen Nächten ein schwarzes
Halstuch vors Gesicht band, sich einen Revolver (mit dem man zum Glück
nicht schießen konnte) in die Tasche steckte
und in allein stehende Häuser
einbrach, um dort Matchbox-Autos und Brillantringe zu rauben. An dem
Abend, von dem wir reden, hatte er beschlossen, bei der Familie Morfoss
einzubrechen.
Herr Morfoss saß eben vor dem Fernseher, Frau Morfoss las in der Zeitung
und Herr Maffrodit, die Tante, strickte eine Socke, die genauso lang war,
wie es sich für eine Socke gehörte. Da kam der Einbrecher durchs Fenster
gestiegen und sagte: „Das ist ein Überfall. Keiner bewegt sich!“
Die Familie glaubte natürlich, dass der Einbrecher Meta sei. Herr Morfoss
ging in aller Seelenruhe zum Fernsehgerät und stellte eine andere Sendung
ein, die leider ebenso langweilig war wie die bisherige; Frau Morfoss hob
die Augen gar nicht von ihrer Zeitung und Herr Maffrodit klapperte weiter
mit ihren Nadeln.
Der Einbrecher fuchtelte mit dem Revolver und brüllte: „Hände hoch, sonst
wird geschossen!!“ Niemand kümmerte sich um ihn. Der Einbrecher wurde fast
närrisch vor Zorn. Er drückte den Revolver Herrn Morfoss in den Bauch und
flüsterte heiser: „Das Geld oder das Leben!“
„Schon gut“, sagte Herr Morfoss geduldig, „du bist ja die Meta.“
Da erkannte der Einbrecher, dass sich niemand vor ihm fürchten wollte. Er
ging
verwirrt weg. Und er zweifelte an seiner Eignung für diesen Beruf und
hängte ihn an den Nagel und er ist dann, wie wir in Erfahrung gebracht
haben, noch ein sehr ordentlicher Maurer geworden. |