April 05
 

Für Kids Geschichten Wissenswertes Geburtstage Spiele

 

Die Geschichte des Monats:
 

Meta Morfoss



Meta Morfoss war ein kleines Mädchen, welches die Angewohnheit hatte, sich dauernd zu verwandeln.
Manchmal verwandelte sie sich in eine Muschel und lag ganz still im Algenwald und träumte im warmen Unterwasser vor sich hin.
Wenn dann die Jungen im Teich tauchten und versuchten die Muschel an die Oberfläche zu holen, klappte sie ihre Schalen zusammen und sagte ein bisschen furchtsam: „Aber ich bin doch die Meta!“
Oder sie verwandelte sich in einen Engel und flog mit langsamen Flügelschlägen durch den Abend. Dann konnte es vorkommen, dass sie einem Flugzeug begegnete und der Kapitän sehr erstaunt zu sich sagte: „Merkwürdig, hier fliegt ein Engel.“ Und er starrte so angestrengt zum Fenster hinaus, dass das Fugzeug zu schwanken anfing. Und Meta rief ihm hinterher: „Aber ich bin doch die Meta!“
Oder sie verwandelte sich in eine Dampflokomotive und wog 100 Tonnen und raste mit ungeheurem Getöse die Schienen entlang. Es ist doch aber so, dass die Eisenbahnschienen für die ordentlichen Züge bestimmt sind, die mit Gütern oder Reisenden unterwegs sind, und die Eisenbahnverwaltung hat schließlich einen genauen Fahrplan ausgerechnet, damit die Züge niemals zusammenstoßen. Die Zugführer erschraken daher nicht wenig, wenn sie auf dem eigenen Gleis eine Lokomotive auf sich zudampfen sahen, die nicht im Fahrplan stand und auch vom Bahnwärter nicht gemeldet war. Natürlich verwandelte sich Meta immer rechtzeitig in das kleine Mädchen zurück, das sie wirklich war, und sie sprang vom Bahndamm und erläuterte mit einem allerhöflichsten Knicks: „Aber ich bin doch die Meta!“
Aber was nützte das denn noch? Wenn es auch mit knapper Not kein Unglück gab, die Zugführer hatten doch einen bösen Schreck bekommen.
Man muss also ehrlich zugeben, dass Meta Morfoss den Menschen eine Menge Schwierigkeiten bereitete. Sie meinte es gewiss nicht böse. Nur verwandeln sich eben die meisten Leute sehr selten in eine andere Sache und wer das schon unbedingt tun muss, sollte gelegentlich darüber nachdenken, ob er nicht stört.

Meta lebte zusammen mit ihren Eltern und einer Tante, die einen Schnurrbart hatte und deswegen Herr Maffrodit hieß, in einem kleinen Haus am Rande des Stadtparks.
Metas Eltern hatten sich an die seltsame Eigenschaft ihrer Tochter schon einigermaßen gewöhnt – seit jenem ersten Mal, wo sie, anstatt eines Säuglings, eine Wärmeflasche im Kinderbettchen gefunden hatten, die mit einer glucksenden Gummistimme erklärt hatte: „Binna Meta!“
So wunderten sich die Eltern über gar nichts mehr.
Aber eines Abends ereignete sich eine ganz ungewöhnliche Geschichte.
Es gab nämlich in der Stadt einen besonders schlecht erzogenen jungen Mann, der sich abscheulicherweise in mondlosen Nächten ein schwarzes Halstuch vors Gesicht band, sich einen Revolver (mit dem man zum Glück nicht schießen konnte) in die Tasche steckte und in allein stehende Häuser einbrach, um dort Matchbox-Autos und Brillantringe zu rauben. An dem Abend, von dem wir reden, hatte er beschlossen, bei der Familie Morfoss einzubrechen.
Herr Morfoss saß eben vor dem Fernseher, Frau Morfoss las in der Zeitung und Herr Maffrodit, die Tante, strickte eine Socke, die genauso lang war, wie es sich für eine Socke gehörte. Da kam der Einbrecher durchs Fenster gestiegen und sagte: „Das ist ein Überfall. Keiner bewegt sich!“
Die Familie glaubte natürlich, dass der Einbrecher Meta sei. Herr Morfoss ging in aller Seelenruhe zum Fernsehgerät und stellte eine andere Sendung ein, die leider ebenso langweilig war wie die bisherige; Frau Morfoss hob die Augen gar nicht von ihrer Zeitung und Herr Maffrodit klapperte weiter mit ihren Nadeln.
Der Einbrecher fuchtelte mit dem Revolver und brüllte: „Hände hoch, sonst wird geschossen!!“ Niemand kümmerte sich um ihn. Der Einbrecher wurde fast närrisch vor Zorn. Er drückte den Revolver Herrn Morfoss in den Bauch und flüsterte heiser: „Das Geld oder das Leben!“
„Schon gut“, sagte Herr Morfoss geduldig, „du bist ja die Meta.“
Da erkannte der Einbrecher, dass sich niemand vor ihm fürchten wollte. Er ging verwirrt weg. Und er zweifelte an seiner Eignung für diesen Beruf und hängte ihn an den Nagel und er ist dann, wie wir in Erfahrung gebracht haben, noch ein sehr ordentlicher Maurer geworden.

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