Die Geschichte des Monats:
 

Die Schnupfenmühle


In Holland gibt es noch Mühlen mit großen Flügeln, die vom Wind gedreht werden. Wenn kein Wind weht, dann steht die Mühle still und der Müller kann kein Korn zu Mehl mahlen.
Einmal hatte tagelang kein Wind geweht. Der Müller zu Middelburg lag Tag und Nacht im Bett, weil er nichts zu tun hatte. Nur ab und zu musste er zum Telefon sausen, weil einer aus einer Brotfabrik oder ein Bäcker anrief und fragte, wann endlich das Mehl fertig sei.
Schließlich fing der Müller an, den Wind zu suchen. Er suchte ihn im Wald, aber da war kein Wind. Er suchte ihn auf der Wiese, aber da war kein Wind. Er suchte ihn auf den Bergen, aber da war kein Wind.
Das Einzige, was der Müller mit nach Hause brachte, war ein fürchterlicher Schnupfen. Kaum hatte er die Tür hinter sich zugemacht, da fing er schon an zu niesen: „Hatschi!“ – und gleich darauf noch mal: „Hatschi!“
Da bewegte sich etwas vor dem Fenster. Weißt du, was sich da bewegte? Die Windmühlenflügel hatten sich gedreht. Aber nur ein bisschen, gleich standen sie wieder still. Da musste der Müller noch mal niesen: „Hatschi!“ Und tatsächlich, die Windmühlenflügel drehten sich wieder.
„Ich hätte doch nicht gedacht, dass ich beim Niesen so viel Wind mach“, sagte der Müller.
Aber er konnte doch nicht dauernd niesen und darum stand seine Mühle wieder still.
„Jetzt brauche ich Leute mit Schnupfen“, sagte der Müller, „damit sich meine Mühle dreht.“
Aber woher Leute mit Schnupfen kriegen?
Da setzte er eine Anzeige in die Zeitung: Leute mit Schnupfen gesucht. Und anderntags kamen sie mit triefenden Nasen an.
Da ging es: „Hatschi! Hatschi! Hatschi! Hatschi!“, und die Mühle drehte sich, und schnell schüttete der Müller ein paar Säcke Korn auf die Mahlsteine. Die Leute niesten bis zum Abend und freuen sich, dass ihr Schnupfen doch zu etwas nütze war. Aber dann gingen sie nach Hause und die Mühle stand wieder still.
Am nächsten Tag wehte immer noch kein Wind, aber plötzlich fing die Mühle trotzdem an, sich zu drehen.
Erstaunt ging der Müller vor die Tür und da hörte er ein leises Niesen im Gras. Und als er genauer hinsah, da merkte er, dass alle Tiere erkältet waren und niesten: die Katzen, die Hunde, die Hasen, die Igel, die Maulwürfe, die Fliegen und die Vögel. Und die machten mit ihrem Niesen so einen Wind, dass sich die Windmühlenflügel drehten. Sicher hatten die Tiere sich bei den verschnupften Leuten angesteckt.
Am Abend, als die Tiere einschliefen, hörte das Niesen auf, und die Mühle stand wieder still. Aber mitten in der Nacht wachte der Müller von einem Geräusch auf, das sich wie ein lautes Niesen anhörte – so: „Hatschi!“ Und dabei wackelte die ganze Mühle, sodass der Müller beinah aus dem Bett gefallen wäre.

Gleich darauf ging es wieder: „Hatschi!“, und diesmal wackelte die Mühle so toll, dass der Müller wirklich aus die Bett fiel: Bums!
Was war denn jetzt los? Die Mühle selbst hatte einen Schupfen gekriegt und nieste. Sicher hatte sie sich bei den erkälteten Tieren angesteckt. Na, das ging die ganze Nacht so weiter mit dem Niesen und dem Wackeln, und weil der Müller nicht schlafen konnte, stand er auf und schüttete wieder einige Säcke Korn auf die Mahlsteine. Aber dann kriegte die Mühle auch noch Husten. Und wenn  eine Mühle hustet, macht das einen tollen Lärm.
Als der Müller und die Müllerin drei Tage und drei Nächte nicht geschlafen hatten vor Wackeln und Lärm, gingen sie in die Apotheke und kauften Medizin ein. Für wen? Für die Mühle natürlich!
Also flößten sie der Mühle die Medizin ein. Wo? Na da, wo man die Flügel ölt, da ist natürlich irgendwo ein kleines Loch.
Und so wurde die Mühle wieder gesund. Sie hörte auf zu husten und zu niesen, aber sie stand wieder still, denn es wehte immer noch kein Wind.
Aber in der nächsten Nacht wachte der Müller trotzdem auf. Er hatte wieder ein Niesen gehört, ganz leise und weit weg, aber ganz deutlich.
Als er aus dem Fenster guckte, sah er da den schwarzen Nachthimmel. Aber als er genauer hinschaute, sah er, dass die Sterne ein bisschen wackelten und der Mond auch.
Was war denn jetzt los? Richtig, die Sterne hatten sich an der erkälteten Mühle angesteckt, und jetzt niesten sie die ganze Nacht.
Am nächsten Tag flog der Müller mit einer Rakete zum Himmel und flößte den Sternen Medizin ein. Auf dem Rückweg kam der Müller an einer großen, grauen Wolke vorbei.
Und hinter der Wolke lag jemand und schlief, jemand, den er lange nicht mehr gesehen hatte. Na, wer wohl? Richtig, es war der Wind.
„He, alter Freund!“, rief der Müller und weckte den Wind auf. „Du schläfst hier hinter einer Wolke und unten auf der Erde vermissen wir dich.“
„Ich komme ja schon“, sagte der Wind, rieb sich verschlafen die Augen und zog sich die Hosen an.
„Weißt du, ich hatte einen Schnupfen, aber jetzt bin ich wieder gesund und gut ausgeschlafen.“
„Wenn du wüsstest“, sagte der Müller, „wer alles inzwischen deinen Schnupfen gehabt hat.“
Als der Müller auf der Erde ankam, wehte der Wind, die Windmühlenflügel drehten sich, und die Müllerin schüttete Korn auf die Mahlsteine.

In der Mittagspause erzählte der Müller der Müllerin, wie das mit dem Schnupfen gekommen war.
„Der Wind hat es mir erzählt“, sagte er, „und der Wind spricht die Wahrheit.“


 

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 Inhalte von Eva Hensely
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