Die Geschichte des Monats:

Anna, genannt Humpelhexe


Sieben Hasensprünge hinter dem Ende der Welt, in einem Wald, wo die Kiefern weiße Blätter und die Birken schwarze Nadeln tragen, liegt heute noch eine Hexenschule.
In diese Hexenschule ging auch Anna Humpelbein. Eigentlich hieß sie ja nur Anna, aber weil ihr rechtes Bein länger als das linke und das linke kürzer als das rechte war, nannten sie die anderen eben „Anna Humpelbein“.
Dieser Name verdross das Hexenmädchen, und noch mehr verdross sie, dass die gleichbeinigen Hexenkinder sie wegen ihres Humpelns verspotteten. Am meisten aber ärgerte sie sich, dass auch ihre Mutter, die berühmte Hexe Rapunzel, ihr riet, zum Hexendoktor zu gehen und sich das ein wenig längere Bein ein wenig kürzer hobeln zu lassen.
„Es tut gar nicht weh“, sagte die Hexe Rapunzel. „Ich gebe dir einen Zauber mit, da wirst du schlafen und etwas Liebliches träumen, vom schwarzen Wildschwein oder so. Und wenn du aufwachst, hast du zwei gleiche Beine, wie die anderen Hexenkinder auch.“
Aber Anna wollte nicht.
„Es ist mein Bein“, sagte sie, „davon geb ich nichts her, das ist alles Anna. Ich habe nun mal zwei verschiedene Beine, da muss ich eben was draus machen. Diese Gleichbeiner mögen ruhig spotten. Am besten lacht, wer zuletzt lacht!“
Am Tag, wenn die Hexenkinder schlafen – denn Hexen leben ja in der Nacht, und ihre Kinder gehen nur nachts zur Schule -, am Tag also, wenn der Wald noch zum Gruseln hell ist und Sonnenkringel den Nagelgrund sprenkeln und die Drossel so unheimlich schreit, stahl Anna sich heimlich aus ihrem Moosbett und übte das Laufen auf einem Bein, zuerst auf dem rechten, dann auf dem linken. Sie war zäh und übte fleißig und bald lief sie auf dem langen Bein schneller als der Wind und auf dem kurzen langsamer als die Schnecke. Wenn sie jedoch beide Beine gebrauchte, in der Art, wie dies Gleichbeiner tun, humpelte sie ärger denn je.
Ihre Kunst verriet sie keinem. Nicht einmal ihre Mutter Rapunzel wusste davon.
Zum ersten Neumond nach Walpurgis war Sportfest, mit Bocksreiten und Besenstielfliegen, Kugelstoßen mit eingerollten Igeln und Scheibenwerfen mit zusammen geringelten Ottern, Schwimmen im Sumpf, Ringkampf im Moor, Feuerspringen durch echtes Höllenfeuer, und was eben alles zu einem Sportfest in einer Hexenschule gehört.
Als Stadion diente eine Wolfsschlucht, die Strecken steckten Irrlichter ab, und die Eulen mit ihren glühenden Augen überwachten die Langlaufbahn rund um den Wald. Auf dem Programm stand zum Abschluss nämlich eine Neuheit: ein Siebenmeilenstiefelwettlauf, zweiundzwanzig Mal um den Wald herum.

Dazu trat die gesamte Schülerschaft an, die Stiefel noch unterm Arm oder über der Schulter. Jedes Paar war so prächtig wie das andre mit Zauberzeichen bestickt und durchwirkt und jedes von einem anderen Leder: vom Molch, vom Salamander, von der Kröte, vom Luchs, von der
Laus, von der Maus, vom Dachs, vom Drachen, von der Fledermaus, vom Maulwurf, vom Fuchs.
Die Hexeneltern waren begeistert.
Mein Kind hat die prächtigsten Stiefel!“, riefen alle.

Auch Anna, die sich an den Kämpfen bislang nicht beteiligt hatte, humpelte zum Startplatz. Das überraschte sogar ihre Mutter Rapunzel. Anna hatte ihr nichts gesagt, und so hatte Mutter Rapunzel keine Stiefel gefertigt.
Vor Scham verkroch sie sich in ihr rotes Haar.
Auch der Hexenturnlehrer war überrascht und fürchtete ein böses Ende.
„Was willst du denn hier, Humpelbein?“, fragte er grob. „Du hast ja noch nicht einmal Siebenmeilenstiefel.
„Die meinen sind unsichtbar“, sagte Anna.
„Das kann jeder behaupten.“
„Du wirst schon sehn.“
Da der Start jedoch allen freistand, konnte nicht einmal der Hexenturnlehrer Anna an der Teilnahme hindern. Die Stiefel staken nun an den Beinen, aus einem krummen Ofenrohr knallte der Startschuss und die Hexenkinder begannen zu stiefeln. Sechs Schritte, und sie waren aus der Wolfsschlucht heraußen.
Über ihnen die Eulen. Anna blieb stehen.
„Warum stiefelst du nicht?“, fragte der Hexenturnlehrer, der seine Befürchtungen eintreffen sah.
„Ich muss zuerst noch mal aufs Klo.“
Anna ließ sich Zeit, und als sie zurückkam, war die elfte Runde zurückgelegt, und das Feld erschien zum zwölften Mal.
Es bot einen seltsamen Anblick.
Die Hexenkinder, die am langsamsten stiefelten, hatte nämlich den schnelleren Stieflern einen Hexenschuss in den Rücken gehext, damit sie nicht mehr so flott vorwärts kämen, und die Betroffenen hatten sich gerächt und mit Hexenschüssen zurück geschossen. So hatte das ganze Feld Hexenschuss, und da das keinem nützte und jedem schadete, ärgerten sich alle schwarz und schief. Und so zogen sie auch durchs Stadion: rabenschwarz, schief, und mit Hexenschuss humpelnd.
Die Eltern aber waren stolz, dass ihre Kinder schon so trefflich hexten.
„Was seh ich!“, rief Anna, „die humpeln ja. Das kann ich doch auch!“
Und sie humpelte mit.
Da sie keine Siebenmeilenstiefel anhatte, humpelte sie natürlich viel langsamer. Das Feld war schon in der einundzwanzigsten Runde, da war sie noch immer im Stadion.
Und nun blieb sie sogar noch stehen.
„Am besten verziehst du dich wieder aufs Klo!“, rief der Hexenturnlehrer.
„Gleich“, sagte Anna, „ich muss nur noch schnell siegen.“
Sie legte sich ihr linkes Bein über die rechte Schulter und lief. Der Hexenturnlehrer wollte lachen, doch er hatte den Mund erst halb aufgemacht, da war Anna schon wieder an ihm vorbei.
Die Augen der Eulen, die den Lauf überwachten, wurden im Staunen noch größer, als sie es schon sind, und vor Begeisterung glühten sie wie Kometen. Sie konnten kaum so schnell zählen, wie Anna rannte. Ihre Schnäbel schnurrten sich heiß.
„Zwei drei vier fünf sechs sieben acht neun zehn elf zwölf drei vier fünf sechs sieben acht neun zwanzig einund- zweiundzwanzig! Gewonnen!“, riefen sie, da hatte der Hexenturnlehrer gerade das erste „haha“ fertig gebracht.
„Das war sicher gemogelt!“, rief er erbost.
Aber die Eulen widersprachen. Ihre Schnäbel rauchten, ihre Zungen dampften.
„Anna ist Siegerin!“, erklärten sie. Und fortan wurde sie nie mehr von den anderen Kindern wegen ihres Humpelns verspottet.


 

© 2011 VS Guntramsdorf
 Inhalte von Eva Hensely
Die VS Guntramsdorf distanziert sich von den Inhalten verlinkter Seiten und kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden.