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Die
Geschichte des Monats:
Zwillingshexen
Es war in einer kleinen Stadt. In einem
Haus an der Hauptstraße wohnten zwei alte Frauen. Sie waren
Zwillingsschwestern. Auf der Straße sah man sie nur mit großen
Männerschirmen, sie brauchten sie als Stütze beim Gehen. Ihre Rücken waren
schwach und krumm.
Sie hießen Martha und Hermine, aber die Leute in der Stadt nannten sie nur
„die Fräuleins“, weil sie beide keinen Mann und keine Kinder hatten. Die
Leute sagten auch: „Das sind zwei alte Klatschtanten.“ Denn die beiden
alten Frauen hatten ein langweiliges Leben, darum wollten sie immer gern
wissen, was andere Leute taten oder erlebten. Das kann man verstehen.
Zum Einkaufen ging jede von ihnen in einen anderen Laden. Martha kaufte im
Laden an der Ecke ein, und Hermine ging in den Lade n
am Postplatz. Wenn sie dann nach Hause kamen, backten sie einen Kuchen,
und jede von ihnen hatte etwas Anderes zu erzählen. Sie wussten immer,
welche Frau ein Kind erwartete, wer ein Haus bauen wollte und wer krank
oder gestorben war.
Nachmittags saßen die Schwestern oft an einem Fenster zur Straße. Sie
sahen, wer ein neues Auto oder einen neuen Mantel hatte, wer seine
Vorhänge zum Waschen abnahm und welches Mädchen mit welchem Mann spazieren
ging. Über all das unterhielten sie sich dann. Aber Klatschtanten waren
sie nicht. Mit wem sollten sie denn reden? Niemand brauchte sie. Alle ihre
Freunde und Verwandten waren schon tot.
Am liebsten sahen Martha und Hermine den Kindern beim Spielen zu. Dann
sagten
sie:
„Ja, ja, so haben wir auch mit dem Ball gespielt. Das konnten wir gut.“
Oder sie sagten: „Diese Mädchen da von gegenüber, die Katrin und die
Renate, die sind wirklich nett. Schade, dass sie nicht Zwillinge sind wie
wir!“
Und sie überlegten, ob sie die Mädchen nicht einmal einladen sollten. Sie
hatten doch noch ihr altes Puppenhaus. Bestimmt würden Katrin und Renate
gerne damit spielen.
Eines Tages riefen sie die Mädchen ins Haus. „Das ist schön, dass ihr uns
besucht“, sagte Martha. „Mögt ihr Bonbons?“, fragte Hermine. Die Bonbons
waren in einer Porzellandose, sie standen schon lange im Schrank, und
jetzt waren sie klebrig.
„Nehmt doch, nehmt doch!“, rief Hermine.
Und Martha sagte: „Ihr müsst auch noch
unser
schönes Puppenhaus sehen. Es steht im Hinterzimmer.“
Aber Renate sagte: „Wir haben keine Zeit, wir müssen noch Schulaufgaben
machen.“
Und Katrin rief schnell: „Auf Wiedersehen!“
Schon liefen die Mädchen wieder fort.
„Sie sind schüchtern“, sagte Hermine. Martha sah aus dem Fenster, und sie
sah, wie Katrin und Renate die Bonbons ausspuckten.
„Probier einmal die Bonbons“, sagte sie zu Hermine. „Schmecken sie
schlecht?“ Sie nahmen beide ein Bonbon, sie lutschten sie eine Weile, dann
sagte Hermine: „Sie schmecken gut, sie sind so schön weich.“
„Aber die Mädchen haben sie ausgespuckt“, sagte Martha.
„Ich glaube, die Kinder heutzutage wollen
lieber Kaugummi“, sagte Hermine.
Am nächsten Tag kauften sie Kaugummi. Sie warteten am Fenster, bis sie die
Mädchen sahen, dann winkten sie und riefen: „Wollt ihr heraufkommen? Heute
haben wir Kaugummi für euch!“
„Wir müssen unserer Mutter im Garten helfen!“, rief Katrin, und die
Mädchen liefen weg. Hermine sagte: „Kaugummi ist wohl eher etwas für
Buben, wir wollen Eis besorgen.“
Also kauften sie zwei Päckchen Eis in Goldpapier, die legten sie auf die
Kellertreppe, weil sie keinen Kühlschrank hatten. Dann warteten sie
wieder, bis sie die Mädchen sahen.
„Wir
haben Eis für euch, Erdbeereis!“, rief Martha. „Kommt schnell!“
Aber die Mädchen taten so, als hätten sie nichts gehört, sie liefen
einfach weiter.
„Ich glaube, sie kommen nicht gern zu uns“, sagte Martha und machte das
Fenster wieder zu.
„Nein, nein, du hast nur nicht laut genug gerufen“, sagte Hermine. |
In der nächsten Zeit sahen sie etwas
Merkwürdiges: Immer wenn Katrin und Renate am Haus vorbeikamen, schlichen
sie ganz dicht an der Mauer entlang, und sie flüsterten dabei und
schielten nach oben zum Fenster.
„Vielleicht ist das ein Spiel“, sagte Hermine. „Wir wollen sie fragen.“
Und als sie Katrin im Laden am Postplatz traf, fragte sie: „Warum
schleicht ihr immer so an unserem Haus entlang? Ist das ein Spiel?“
„Wir?“, fragte Katrin. „Ach, nur so.“ Sie sah erschrocken aus. Und dann
sagte sie: „Aber das können Sie doch gar nicht sehen, wenn Sie das Fenster
nicht aufmachen, wenn Sie sich nicht herausbeugen.“
Die alte Hermine lächelte. „Doch, Kindchen, doch“, sagte sie. „Wir können
um die Ecke sehen! Wart, ich zeig’s euch, wenn ihr einmal wiederkommt.
Soll ich dir jetzt etwas kaufen? Einen Lutscher oder Schokolade?“
Aber da war Katrin schon aus dem Laden gelaufen.
Am nächsten Tag rief ein kleiner Bub „Hex!
Hex!“
hinter Hermine her. Zu Hause sagte sie zu Martha: „Er war ja noch sehr
klein, aber es hat mir doch weh getan.“
Martha nickte nur. Sie erzählte nicht, was sie erlebt hatte. Sie war an
der Toreinfahrt zum Eisenwarengeschäft vorbeigegangen, und hinter dem Tor
hatte jemand gerufen: „Zwillingshexe! Hihi, huhu!“ Das wollte Martha ihrer
Schwester nicht erzählen.
Dann kam das Schlimmste.
Es war am Abend, als es schon dämmrig wurde. Hermine und Martha saßen am
Fenster, und sie sahen, wie viele Kinder zu ihrem Haus kamen, zehn oder
zwölf. Renate und Katrin waren auch dabei. Sie schlichen alle an der Mauer
entlang, und genau unter dem Fenster blieben sie stehen.
Sie drängten sich eng aneinander, sie stießen sich an und lachten. Und
dann sangen sie:
„Hex, Hex, Zwillingshex!
Heck-meck-zeck,
guck ums Eck,
steckt die Nas’ in jeden
Dreck!“
Dann rannten sie fort.
„Sie haben uns gemeint“, flüsterte Hermine.
„Wir sehen ja auch wie zwei hässliche alte Hexen aus“, meinte Martha.
Danach gingen sie nur noch zu zweit einkaufen. Sie hielten sich nicht mehr
lange in den Läden auf, sie redeten kaum noch mit den Leuten.
Man sah sie auch nicht mehr am Fenster zur Straße. Dort hielten sie die
Vorhänge jetzt immer dicht geschlossen.
Zwei- oder dreimal hörten sie noch, wie die Kinder „Hex, Hex“ hinter ihnen
herriefen. Dann duckten sie ihre krummen Rücken noch tiefer und liefen
weg, so gut sie noch konnten, und ihre Schirmstöcke klapperten auf dem
Pflaster.
Im Winter wurde Martha krank und starb, und Hermine zog weg.
Katrin und Renate hörten im Laden am Postplatz eine Frau sagen: „Das
Fräulein Hermine soll in ein Altersheim gegangen sein, aber niemand weiß
wohin. Hier war sie jetzt ja auch zu einsam."
Der Mann an der Kasse sagte: „Jemand hätte sich ein bisschen um die beiden
Alten kümmern sollen. Was hatten sie denn noch vom Leben? Nur ihren
Fensterplatz mit dem Spion.“
„Was für ein Spion?“, fragte Renate.
„Diesen Spiegel da an ihrem Fenster“, sagte der Mann, „einen schräg
aufgehängten Spiegel. Habt ihr den nie gesehen? Darin kann man alles auf
der Straße beobachten, darum werden diese Spiegel Spion genannt.“
Und die Frau sagte:“ Man kann zum Beispiel sehen, wer unten an der Haustür
klingelt, man braucht dazu das Fenster nicht aufzumachen.“
„Ach so“, sagte Katrin. Und dann fragte sie: „Konnten sie eigentlich gut
hören, die Fräuleins?“
„Keine Ahnung“, sagte der Mann. „Weshalb willst du das wissen?“
„Manchmal hören alte Leute doch schlecht“, sagte Katrin.
„Unsere Oma auch“, sagte Renate.
Die Frau nahm ihre Tasche. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Sie
sagte: „Ich kann mir schon denken, weshalb ihr das jetzt gerne wissen
möchtet. Ich hab’ da so was gehört.“
Mehr sagte sie nicht. Jetzt war es ja schon zu spät.
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