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Die
Geschichte des Monats:
Die Silbergeschichte
Als Frau Muschler auf dem Dachboden
ihre Wäsche aufhängte, kam die Nachbarin, die in ihrem Verschlag gekramt
hatte.
„Ich habe etwas für Julchen zu Weihnachten“, sagte sie. Sie schleppte
etwas heran, das nur so schepperte und quietschte. Es war ein altmodischer
Puppenwagen. Er war verbogen und hatte
nur drei Räder. Das vierte lag mit dem Verdeck zusammen in dem Korb, in
den eigentlich die Puppen gehörten.
Frau Muschler bekam einen Schreck, als sie das alte Gerümpel sah. Aber
weil sie sich nicht traute, das Geschenk abzulehnen, bedankte sie sich und
schleppte den Puppenwagen in ihre Wohnung.
Als Julchen am Abend im Bett war, schob sie ihn ins Zimmer. „Sieh dir das
Ding hier an“, sagte sie zu ihrem Mann, der vor dem Fernseher saß, „das
hat die alte Nachbarin für Julchen gebracht. Damit lachen die anderen
Kinder sie ja aus. Aber was sollte ich machen, die Nachbarin meinte es
gut.“
Herr Muschler sah nicht nur fern, sondern las außerdem noch die Zeitung.
Er brummte nur: „Hm, so, so, ja, ja, hm.“
„Du findest ihn also auch so scheußlich wie ich“, fuhr Frau Muschler fort.
„Meinst du, es würde sich lohnen, ihn noch einmal zu retten? Wenn ich nur
wüsste, wie Julchen darüber denkt.“
Herr Muschl er
murmelte: „Ja, ja, so, so, fffft“, und Frau Muschler drehte den
Puppenwagen hin und her. Das Gestänge war verbogen und voller Rost. Das
Strohgeflecht löste sich auf. Die Gardinen am Verdeck waren nur noch
Lumpen.
„Armes Julchen“, seufzte sie. „In solch einem Monstrum soll sie ihre
schönen Puppen herum fahren. Aber sicher fragt mich die alte Nachbarin
eines Tages, was Julchen gesagt hat, und was mache ich dann?“
Herr Muschler sah immer noch fern und las dabei die Zeitung. „Hm, hm, hm“,
sagte er. Frau Muschler begann, am Gestänge des Puppenwagens zu zerren,
bis es einigermaßen gerade war. Es gelang ihr, das Rad festzumachen. Auch
das Verdeck brachte sie wieder an die Stelle, wo es hingehörte. Als sie
das Strohgeflecht mit Schnur flickte, zerstach sie sich die Finger. In der
Küche reinigte sie den ganzen Puppenwagen mit einer Bürste und heißem
Seifenwasser. Sie kramte aus ihrem Schrank einen alten Unterrock hervor,
den sie schon
lange nicht mehr getragen hatte. Damit fütterte sie das Verdeck. Aus der
Spitze vom Saum wurde eine Rüsche für rundherum.
Das Fernsehen war zu Ende, und Herr Muschler fand in der Zeitung nichts
Neues mehr. Er kam in die Küche. „Zeit zum Schlafen“, sagte er. Dann sah
er den Puppenwagen. „Nanu, das ist ja ein tolles Fahrzeug. Woher stammt
denn das?“
„Ich habe es dir schon ein paar Mal erklärt“, sagte Frau Muschler, „aber
du hörst mir ja nicht zu.“ |
Herr Muschler fand den Puppenwagen ganz
manierlich, nur etwas farblos. Er überlegte und begann dann, in seinem
Werkzeugschrank, auf dem Regal und schließlich in der Speisekammer zu
kramen. Im Besenschrank fand er, was er suchte. Es war eine große Dose
Silberfarbe, die er für
sein Auto gekauft hatte. Er schob Frau Muschler zur Seite und begann das
Gestell zu versilbern.
„Die Räder auch“, verlangte Frau Muschler. Sie hielt ihm die Farbe und er
strich nach den Rädern auch noch den Griff an. Dann standen beide da und
sahen den Puppenwagen mit schiefem Kopf an.
„Er könnte Julchen vielleicht doch gefallen“, sagte Frau Muschler. Herr
Muschler tropfte etwas Silberfarbe auf das Verdeck.
„Pass auf!“, rief Frau Muschler und versuchte, es mit ihrer Schürze
wegzureiben. Der Klecks blieb. Da strich Herr Muschler auch das Verdeck
silbern. Als er fertig war, rann an mehreren Stellen die Silberfarbe in
das Strohgeflecht. Nach kurzer
Zeit
war es ebenfalls gestrichen und Herr Muschler stellte die Dose auf das
Frühstückstablett. Der Puppenwagen war jetzt wirklich prachtvoll. Dafür
hatte das Tablett einen Ring. Es blieb nichts Anderes übrig, als es zu
streichen. Dabei kleckste Herr Muschler den Herd voll.
Schon immer hatte sich Frau Muschler eine versilberte Herdplatte
gewünscht. Sie brachte schnell noch einiges, was Herr Muschler anstreichen
sollte: den Lampenfuß, den Spiegelrahmen, den alten Mülleimer und die
Küchenwaage. Herr Muschler strich außerdem noch das Ofenrohr, die
Vorhangstange, die Türgriffe und
den
Wasserkessel. Er musste außerdem noch alles streichen, was Farbspritzer
abbekommen hatte. „Zum Beispiel deine Nase“, sagte er und kam mit dem
Pinsel auf Frau Muschlers Gesicht zu. „Lieber deine Schuhe“, rief sie
quietschend.
Herr Muschlers Schuhe waren voller Silberflecke. Weil es aber die alten
waren, kam es nicht darauf an. Er zog sie aus und schon waren sie silbern.
Sie waren nicht wieder zu erkennen.
Aber die Farbe war auch aufgebraucht. Herr und Frau Muschler kamen vor
Lachen außer Atem und mussten sich hinsetzen.
„Was macht ihr für einen Lärm“, fragte Julchen und tappte in die Küche.
Sie sah überall Silber. Mitten im Raum stand der schönste Puppenwagen, den
sie je gesehen hatte. „Für wen ist der?“, fragte sie. „Der ist für dich“,
sagte Frau Muschler. „Und wem gehören die Silberschuhe?“, fragte sie.
„Die gehören mir“, sagte Herr Muschler.
Aber das konnte er Julchen nicht weismachen. Irgendjemand war gekommen und
hatte den Puppenwagen gebracht. Alles, was er angefasst hatte, war zu
Silber geworden. Er hatte die Schuhe ausgezogen, um niemanden zu stören,
und hatte sie dann vergessen.
„Na,
meinetwegen, so könnte es auch gewesen sein“, sagte Frau Muschler. Sie
schickte Julchen am nächsten Morgen zur Nachbarin. „Erzähl ihr deine
Geschichte, sie freut sich darüber.“ Julchen nahm zum Beweis die
Silberschuhe mit. |