Die Geschichte des Monats:

Herrn Klingsors Zauberkunststücke
Otfried Preußler

Ich kannte einmal einen Lehrer, der konnte ein bisschen zaubern. Nicht viel, eben nur ein bisschen. Er hieß Herr Klingsor und war der jüngste Bruder eines berühmten Zauberers. Daran lag es wohl. Als Herr Klingsor an unsere Schule kam, musste er sich oft darüber ärgern, dass die Kinder so schlampig schrieben. Aber alles gute Zureden half nichts.
Da sagte er eines Tages: „Dass euch die armen Buchstaben nicht Leid tun, die ihr da in die Welt setzt! Wie entsetzlich, wenn ihr selbst so aussehen würdet, wie ihr schreibt!“
Die Kinder verstanden ihn nicht und lachten. Da schnippte Herr Klingsor mit den Fingern und im nächsten Augenblick sahen die Kinder genauso krumm und hässlich aus wie die Buchstaben in ihren Heften: Schneiders Helene hatte einen dicken Wasserkopf, Schusters Fritz gewaltige Eselsohren, Försters Lieschen kurze Stummelbeine und Krämers Willibald einen mächtigen Kugelbauch; bei Plischkes Gustav begannen die Beine gleich an den Schultern, und der kleine Hansi Kieselbach hatte überhaupt keinen Hals.
„Seht ihr“, sagte Herr Klingsor, als er sah, wie erschrocken die Kinder waren, „euch selbst ist es gar nicht Recht, wenn ihr so ausschaut. Aber die Buchstaben müssen es sich gefallen lassen.“
Dann schnippte er ein zweites Mal mit den Fingern, und im nächsten Augenblick sahen die Schulkinder wieder genauso lieb und gesund aus wie zuvor.
Aber von diesem Tag an gaben sie sich beim Schreiben gewaltige Mühe, und selbst der kleine Hansi Kieselbach, der sonst im Schönschreiben immer einen Fünfer im Zeugnis hatte, bekam am Ende des Schuljahres einen Zweier.

Einmal gab es in Herrn Klingsors Schulklasse großen Ärger, weil alle Kinder ihre Hefte verklecksten. Sogar die Musterschülerin Ännchen Pimpelmann machte an diesem Tag einen dicken Tintenklecks in ihr Aufsatzheft. Darüber erschrak sie so sehr, dass sie zu weinen anfing.
„Na, na“, tröstete sie Herr Klingsor, „wer wird denn gleich heulen! Wahrscheinlich haben wir einen Tintenteufel in der Klasse.“
Da fragten die Kinder Herrn Klingsor, ob man gegen so einen Tintenteufel gar nichts machen könne.
„O ja“, sagte Herr Klingsor und klatschte in die Hände.
Da stieg plötzlich aus Ännchen Pimpelmanns Tintenfässchen ein winziges Männlein heraus und watschelte mit hängendem Kopf quer durch das Schulzimmer zu Herrn Klingsors Pult. Und alle Kinder sahen auf den ersten Blick, dass das Männlein ein Tintenteufel war, denn es hatte einen langen tintenblauen Schwanz, eine lange tintenblaue Zunge und zwei lange tintenblaue Hörner am Kopf.
„Nun“, sagte Herr Klingsor mit strenger Miene, „was hast du da angerichtet, du dummer Tintenteufel? Gehört sich das etwa? Sofort bringst du alle Aufsatzhefte wieder in Ordnung!“
Da nickte der Tintenteufel mit dem Kopf, und dann leckte er in allen Aufsatzheften mit seiner langen tintenblauen Zunge alle Tintenkleckse ratzeputz wieder auf, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war. Und seither hat sich der dumme Tintenteufel in Herrn Klingsors Klasse nie mehr sehen lassen.

Der faule Willi wollte um keinen Preis das Siebenereinmaleins lernen. Die Hausaufgaben schrieb er vor dem Unterricht heimlich ab und in der Rechenstunde verließ er sich darauf, dass seine Mitschüler ihm alles vorsagten.
Herr Klingsor sah sich das eine Weile an, dann sagte er zum faulen Willi: „Willi, jetzt reicht es aber! Entweder du kannst morgen das Siebenereinmaleins – oder du erlebst was!“
Am Tag darauf konnte der faule Willi das Siebenereinmaleins natürlich wieder nicht. Da schickte ihm Herr Klingsor in der nächsten Nacht das Einmaleinsgespenst ins Haus. Plötzlich wachte der faule Willi auf, weil ihm jemand die Bettdecke wegzog – und als er näher hinschaute, saß auf dem Hocker neben seinem Bett ein Gespenst.

„Wüvül üst sübben mol sübben?“ fragte es mit hoher Stimme. Und dann übte es doch tatsächlich die halbe Nacht lang mit dem faulen Willi das Siebenereinmaleins, und bei jeder falschen Antwort patschte es ihm mit seiner eiskalten Gespensterhand auf den Bauch.
Das war eine böse Sache, und der faule Willi fing Zeit seines Lebens zu bibbern an, wenn er bloß daran dachte. Aber das Siebenereinmaleins schnurrte er am nächsten Tag nur so herunter, vorwärts, rückwärts und kreuz und quer. 

Plischkes Gustav war ein braver Junge, aber er machte beim Rechtschreiben immer entsetzliche Fehler.
„Gustav, Gustav“, meinte Herr Klingsor eines Tages. „Wie soll das bloß mit dir weitergehen? Du kannst ja nicht mal deinen eigenen Namen richtig schreiben!“
Da ließ Gustav die Ohren hängen und zuckte mit den Achseln.
Herr Klingsor bekam großes Mitleid mit ihm, und am nächsten Tag brachte er eine Streichholzschachtel mit in die Schule, darin saß ein gefangener Floh. Dieser Floh war ein Rechtschreibfloh, den setzte er Gustav hinter das linke Ohr. Und wenn Gustav von nun an einen Rechtschreibfehler machte, zwickte ihn der Rechtschreibfloh in den Hals.
Dann wusste Gustav, dass er einen Fehler gemacht hatte und besserte ihn aus.
Aber es war eine ziemlich mühselige Sache für ihn, und nach drei oder vier Tagen war sein Hals derartig zerstochen, dass er kaum in den Kragen passte.
Da meinte der arme Gustav: „Ach bitte, Herr Klingsor, könnten Sie mir den Rechtschreibfloh nicht wieder wegnehmen? Ich halte die ewige Zwickerei nicht mehr aus.“
Und Herr Klingsor, der ein vernünftiger Mann war, sah ein, dass er den armen Gustav nicht länger piesacken durfte; denn solch eine wichtige Sache ist das Rechtschreiben nun auch wieder nicht. 

Herr Klingsor war ein großartiger Zeichner. Das sind manche andere Lehrer auch. Aber wenn Herr Klingsor im Unterricht eine Rose an die Tafel zeichnete, dann begann sie im nächsten Augenblick richtig zu blühen; und wenn er ein paar Vögel zeichnete, dann flatterteten, pfiffen und tirilierten sie, dass es eine wahre Freude war. Malte er eine Eskimohütte an die Tafel, dann mussten die Kinder ihre Mäntel anziehen und die Mützen aufsetzen, so sehr fror es sie bei dem bloßen Anblick.
Einmal kam der Schulinspektor zu Herrn Klingsor in die Klasse. Da malte Herr Klingsor einen Löwen an die Wandtafel (denn an diesem Morgen war in Erdkunde gerade Afrika an der Reihe). Aber der Schulinspektor fand, dass Herr Klingsor dem Löwen zu kleine Zähne gemalt habe.
„Der Löwe“, sagte er, „ist ein Raubtier und hat ein Raubtiergebiss. Was Sie da gemalt haben, Herr Kollege, sind im besten Fall Mausezähne!“
Da lachte Herr Klingsor und meinte: „Das hat seinen guten Grund.“
Im nächsten Augenblick stieß der Löwe ein fürchterliches Gebrüll aus und stürzte sich von der Tafel weg auf den Schulinspektor. Ein Glück, dass er bloß Mausezähne und keine richtigen Löwenzähne im Maul hatte! Sonst wäre es um den Schulinspektor geschehen gewesen und um die Schulkinder und um Herrn Klingsor vermutlich auch. Herr Klingsor ist übrigens seit dieser Erdkundestunde nie mehr von einem Schulinspektor besucht worden.

Leider ist Herr Klingsor nicht mehr an unserer Schule beschäftigt. Vor einigen Jahren hat er in den Ferien eine Reise zu den Hottentotten unternommen.
„Wenn ich meinen Schulkindern von den Hottentotten erzählen soll“, sagte er, „dann will ich auch wissen, wie es im Hottentottenland aussieht“.
Er flog also auf einem fliegenden Fußabstreifer ins Hottentottenland. (Richtige Zauberer reisen auf fliegenden Teppichen, aber Herr Klingsor war ja nur ein Zauberer im Nebenberuf.) Leider kehrte er von dort nicht mehr zurück. Entweder hat es ihm bei den Hottentotten so gut gefallen, dass er für immer bei ihnen geblieben ist – oder mit seinem fliegenden Fußabstreifer war etwas nicht in Ordnung.
Aber wie dem auch sei: Die Kinder an unserer Schule sind sehr traurig, dass Herr Klingsor nicht mehr bei uns ist.


 

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