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Die
Geschichte des Monats:
Die Löwenfrau
Vor langer Zeit lebte
einst ein Bauerssohn in einem Dorf. Er war tapfer und stark, doch
weil
seine Eltern schon gestorben waren, als er ein Kind gewesen war, besaß er
nichts und war arm.
Da er gerne eine Frau wollte, warb er um viele Mädchen im Dorf, doch kein
Vater wollte ihm seine Tochter zur Frau geben.
„So einem armen Habenichts kann ich meine Tochter nicht geben“, sagten die
Väter.
Als der junge Mann sah, dass er im Dorf wegen seiner Armut nicht geachtet
wurde, packte er seine wenigen Habseligkeiten und ging fort. Am Abend
schlug er in der Wildnis sein Lager auf.
Da kam plötzlich ein Löwe angelaufen und näherte sich schnell seinem
Lager.
„Jetzt ist es um mich geschehen“, dachte er voller Schrecken. „Der Löwe
wird mich auffressen!“
Doch der Löwe schnupperte nur ein wenig an ihm un d
seinen Sachen herum, dann lief er wieder dorthin zurück, woher er gekommen
war.
Der Mann atmete erleichtert auf. „Wahrscheinlich hat sich der Löwe
anderswo satt gefressen“, dachte er. „Oder vielleicht bin ich ihm zu
mager? Arme und Magere will niemand haben.“
Am folgenden Tag wanderte der Mann umher auf der Suche nach etwas Essbarem
und am Abend legte er sich wieder auf sein Lager schlafen.
Mitten in der Nacht wurde er von einem Geräusch geweckt. Er schlug die
Augen auf und sah, dass der Löwe wieder um ihn herum strich. Der Atem
setzte ihm aus, doch der Löwe blieb friedlich. Er kam ganz nahe an ihn
heran und begann zu sprechen.
„Hab keine Angst vor mir“, sagte er. „Ich will dich nicht fressen, denn zu
fressen habe ich hier in der Wildnis genug. Ich weiß, dass du eine Frau
suchst, aber arm bist. Ich habe eine Tochter, die ich gerne verheiraten
würde und ich habe dich dazu auserwählt, ihr Mann zu werden, weil du mir
gefällst. Morgen wirst du meine Tochter sehen.
Der Mann sagte nichts, er war zu erstaunt über die Worte des Löwen.
„Eine Löwin soll ich heiraten?“, dachte er. „Bekomme ich dann Löwenkinder
und muss rohes Wild essen? Na besser
für mich ich bekomme eine Löwin als Frau, als dass ich weiterhin allein
bleibe!“
Als der Mann am nächsten Morgen erwachte, erblickte er eine wunderschöne
junge Frau, die neben ihm lag und ihn freundlich anlächelte.
„Schönes Mädchen, was tust du hier?“, fragte er verwundert. „Wärst du eher
gekommen, hätte ich dich zur Frau genommen. Doch nun habe ich bereits eine
Frau, eine Löwin.“
„Ich bin die Löwin“, sagte das Mädchen, „und ich bin deine Frau.“
„Du sollst eine Löwin sein?“, rief der Mann. „Aber du bist gewachsen wie
eine Menschenfrau, schön und kräftig!“
„Gaube es mir!“ Die Frau lächelte den Mann an. „Du wirst es bald merken.
Aber mach dir keine Sorgen, ich will gut zu dir sein.“
So nahm der Mann die junge Frau in sein Dorf. Die Dorfbewohner wunderten
sich, dass der Arme mit solch einer Schönheit zurückkam.
„Wo hat er sie herbekommen“,
fragte n
sie sich. „Mal sehen, ob er sie ernähren kann!“
Doch ein reicher Mann im Dorf schenkte dem Mann ein Stück Land, das er
bepflanzen durfte. Sein Feld gedieh, er lebte glücklich mit seiner Frau
und sie bekamen viele Kinder.
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Auch mit den übrigen
Dorfbewohnern ging es aufwärts, seit die neue Frau bei ihnen lebte. Die
Ernten waren reich, die Kinder waren satt und gediehen, das ganze Dorf
blühte auf.
„Das haben wir der neuen Frau zu verdanken!“, sagten die Dorfbewohner.
„Sie bringt uns Glück. Wir können glücklich darüber sein, dass sie hier
ist.“
Doch das Nachbardorf, das das Aufblühen des Dorfes mitbekam, wurde
neidisch auf sie.
„Denen geht es besser als uns“, sagten die Männer des Nachbardorfes. „Sie
besitzen mehr. Nehmen wir es uns! Kämpfen wir mit ihnen um ihren
Reichtum!“
Sie zogen zum Kampf aus und überfielen das Dorf. Die Dorfbewohner wehrten
sich mit allen Kräften, doch sie waren auf den Kampf nicht vorbereitet
gewesen, und ihre Gegner waren stark. Viele Tage ging der Kampf und es war
nicht entschieden, wer der Sieger sein würde.
Da schlich eines Tages die Löwenfrau aus dem Dorf hinaus, verwandelte sich
in eine Raubkatze und lief zum Lager der Männer des Nachbardorfes. Dort
schliefen alle, und die Löwenfrau biss einen nach dem anderen tot. Nur
wenige konnten ihren scharfen Zähnen entfliehen, doch die behielten die
Angst vor ihr ein Leben lang und wurden nicht mehr froh.
Einer der Männer des Nachbardorfes war ein sehr mutiger Kämpfer. Er sah,
wie die Löwin seinen Männern den Todesbiss versetzte,
versteckte sich leise und schoss einen Pfeil nach ihr. Er traf sie an der
Hüfte. Zwar konnte sie entfliehen, doch nur langsam und mühevoll, denn der
Pfeil hatte sie schwer verletzt.
Sie kroch in die Hütte zurück, wo ihr Mann und ihre Kinder schliefen. Um
das Nachbardorf zu überwältigen, hatte sie sich in eine Löwin verwandelt.
Nun verwandelte sie sich wieder in eine Frau, doch da sie vom Speer schwer
verletzt wurde, blieb ihr halber Körper der einer Löwin.
Der Nachbarstamm war besiegt. Die Männer, die die Löwin am Leben gelassen
hatte, waren fortgerannt. Das Dorf hatte viele Männer verloren, doch es
hatte den Kampf gewonnen. Die Menschen gingen bald wieder ihren gewohnten
Tätigkeiten nach. Nur die Löwenfrau lag noch immer in der Hütte, verletzt
und halb Mensch, halb Tier. Von Tag zu Tag wurde sie schwächer und es sah
aus, als würde sie sterben.
„Was kann ich tun?“, fragte sich ihr Mann. Da entschloss er sich, zu einem
Zauberer zu gehen, ihn um seinen weisen Rat zu fragen und ihn um Hilfe zu
bitten.
„Ich
habe eine Löwin zur Frau“, erzählte er dem Zauberer. „Sie zog aus, um das
Nachbardorf zu besiegen und uns vor ihm zu beschützen. Dabei wurde sie von
einem Pfeil verletzt. Nun liegt sie im Sterben. Kannst du etwas tun, damit
sie am Leben bleibt?“
„Sie wurde als Löwin verletzt. Das bedeutet, dass die Löwenkraft sie
verlassen wird. Doch die Menschenkraft kann ihr erhalten bleiben. Ich will
für sie einen Heilgesang singen.“
Der Zauberer entfachte ein Feuer, schlug auf die Trommel und sang dazu,
eine ganze Nacht lang. Da entwich die letzte Löwenkraft aus dem Körper der
Frau. Sie nahm wieder ganz die Gestalt einer Frau an und blieb so bis ans
Ende des Lebens. Nie wieder konnte sie sich in eine Löwin verwandeln.
Das Dorf lobte sie für ihre Tat, die ihm zum Sieg verholfen hatte. Alle
freuten sich, dass sie dem Tod entronnen war.
Die Frau sorgte weiter gut für ihren Mann, bekam noch mehr Kinder, die
alle kraftvoll und fleißig waren, und das Dorf blieb reich und blühend,
doch die Frau wurde nie wieder so glücklich wie zuvor. Ein Teil von ihr
war verloren gegangen, dem sie für immer nachtrauerte.
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