Die Geschichte des Monats:

Das Geheimnis


Eines Tages, als sie die Netze aus dem Fluss zog, erlebte Lan-may etwas Seltsames: Sie fand darin einen schweren toten Fisch, einen Drachenfisch. Das gilt in China als Zeichen, dass einem ein Herzenswunsch in Erfüllung geht. Der größte Wunsch, den Lan-may hatte, war eine Schwester. Und als sie aufblickte, sah sie ein fremdes Mädchen auf sich zukommen.
"Wie heißt du denn?" fragte das gelbhaarige Mädchen.
"Lan-may", war die Antwort.
"Ich heiße Alice", sagte das Kind.
"Alisch-", Lan-may konnte den fremdartigen Namen nicht sagen.
"Aliss-ss-ss", sagte das Mädchen.
"Aliss-ss-ss", wiederholte Lan-may. "Warum heißt du so: Aliss-ss-ss?"
"Weil mein Vater und meine Mutter mir diesen Namen gegeben haben", sagte das Mädchen. "Meine zwei Brüder heißen Tom und Jack."
"Ich habe drei Brüder", sagte Lan-may, "Sheng, Tsan und Yung, und ich habe sie alle drei sehr satt!"
"Wirklich!" rief Alice. "Ich habe Tom und Jack ebenso satt, und ich wollte, ich hätte eine Schwester!"
"Ja!" erwiderte Lan-may, "ich wünschte mir auch eine Schwester!"
Die zwei kleinen Mädchen sahen einander an, und der gleiche Gedanke kam ihnen zur gleichen Zeit auf die Lippen:
"Wir wollen Schwestern sein!"
"Ja, ja!" riefen sie, und dann lachten sie.
"Ich lasse dich den Fisch halten", sagte Lan-may, "weil du jetzt meine Schwester bist."
"Ich glaube bestimmt, dass er nicht lebt", sagte Alice.
"Er fühlt sich außen ganz zart an, wie ein echter Fisch", sagte Lan-may. Aber er ist schrecklich hart. Er muss wohl tot sein."
"Wir wollen ihn nur ein bisschen abschaben", meinte Alice.
Sie nahm einen scharfkantigen Stein und kratzte ein klein wenig an dem Drachenfisch. Unter dem bräunlichen Schleim, mit dem der Fluss ihn überzogen hatte, schimmerte er grün.
"Schau, es ist ein hübscher Fisch", sagte sie, "wir müssen ihn nur sauber schaben."
Nun begannen sie beide, den Drachenfisch mit Sand abzureiben. In ein paar Minuten glänzte er hell und grün. Nun konnten sie alles deutlich sehen: Er war aus einem glänzend grünen Material, hart wie Stein.
In diesem Moment hörte man zwei Stimmen. Eine kam von stromaufwärts her und rief "Alice! Alice!"
"Das ist meine Mutter!" sagte Alice eilig. "Ich muss gehen."
Die zweite kam von stromabwärts her und rief: "Lan-may! Lan-may!"
"Das ist mein Vater!" sagte Lan-may eilig. "Ich muss auch gehen."
Was sollen wir mit dem Fisch machen?" fragte Alice.
"Ja, was sollen wir damit machen?" wiederholte Lan-may.
"Es soll unser Geheimnis bleiben", sagte Alice.
"Wir wollen überhaupt niemandem etwas erzählen, vor allem nicht unseren Brüdern", sagte Lan-may.
Vorsorglich vergruben sie den Drachenfisch im Sand.
"Komm wieder her, wenn du gegessen hast!" sagte Lan-may.
"Das werde ich", sagte Alice.
Auf dem ganzen Heimweg war Lan-may aufgeregt und glücklich.
"Ich habe eine Schwester", dachte sie, "eine wirkliche Schwester. Sie kann ja nichts dafür, dass sie gelbes Haar, blaue Augen und eine rosige Haut hat. Immerhin - sie ist ein Mädchen!"
"Wo warst du denn so lang?" fragte Lan-mays Vater ein wenig ärgerlich, als sie nach Hause kam. Alle saßen schon bei Tisch, und er liebte es nicht, wenn jemand zu spät kam.
"Wo du warst, will ich wissen!" fragte Herr Wu nochmals.
"Am Fluss", sagte sie. Es war sehr schwer, das Geheimnis zu bewahren.
"War kein Fisch im Netz?" fragte Herr Wu.
"Nur ein kleiner", sagte Lan-may. Sie nahm ihre Essstäbchen und begann schnell zu essen.
"Hast du ihn ins Wasser zurück-geworfen?", fragte er.
Nun konnte Lan-may absolut nicht lügen, und - bevor sie selbst es recht merkte - platze sie mit der Wahrheit heraus: "Ich habe ihn vergraben."
Herr Wu war empört. Er legte seine Essstäbchen hin. "Willst du mir etwa sagen, meine Tochter, dass du einen kleinen, lebendigen Fisch begraben hast, aus dem ein großer hätte werden können?"

"Er - war - nicht - lebendig!" stammelte Lan-may.
"Ach so, das ist etwas Anderes", murmelte Herr Wu. "Aber selbst dann hättest du ihn doch zurückwerfen können, denn er hätte noch Futter für andere Fische abgegeben."
"Es war - ein sehr - harter Fisch", stotterte Lan-may.
Ihr Vater hatte gerade seine Essstäbchen wieder aufgenommen, nun legte er sie wieder hin.
"Hart", wiederholte er. "Was meinst du damit?"
"Er war steinhart", sagte Lan-may mit ganz leiser Stimme.
"Meinst du damit, dass es gar kein richtiger Fisch war?" fragte Herr Wu.
"Ich glaube, er war aus Stein", sagte Lan-may.
"Warum hast du ihn denn nicht mit nach Hause gebracht?" fragte Herr Wu. "Vielleicht war der Fisch aus Gold oder aus Jade. Wenn wir gegessen haben, wirst du mich hinführen, wo du ihn vergraben hast, und wir wollen sehen, was für ein Fisch das ist."
"Ja, Vater", sagte Lan-may leise.
Sie versuchte zu essen, aber nun fühlte sie sich sehr elend. Der Drachenfisch sollte doch ein Geheimnis bleiben!
"Der Fisch gehört nicht mir allein", erzählte sie ihrem Vater.
Nun wurde Herr Wu richtig ärgerlich. Er legte ein Stückchen Huhn auf den Teller zurück und sagte streng: "Was meinst denn damit wieder?"
"Er gehört nur halb mir", sagte sie, "die andere Hälfte gehört jemand anderem."
"Und wem?" Herrn Wus Stimme war scharf. "Lag der Fisch denn nicht in unserem Netz?"
"Bitte, Vater!" flehte Lan-may, "ich kann es dir nicht erklären!"
Aber das wollte Herr Wu nicht hören. Er war ein sehr entschlossener Mann. Jetzt hoben sich seine buschigen Augenbrauen, und er machte große Augen, als er zu Lan-may sagte: "Ich bestehe darauf - wer ist diese andere Person?"
Lan-may ließ den Kopf hängen. Alle schauten sie an. Lan-may fühlte, dass sie etwas sagen müsste, und so sprach sie ganz schnell: "Er gehört meiner Schwester ebenso wie mir."
Nun waren alle völlig verdutzt.
"Ho!" rief ihr Bruder Sheng, "wenn du eine Schwester hast, habe ich auch eine Schwester."
"Wir alle haben eine Schwester, wenn du eine hast!" rief Tsan.
Und Yung rief: "Ich will aber nicht noch eine Schwester haben!"
"Frau!" sagte Herr Wu feierlich zu Frau Wu, "haben wir noch eine Tochter, von der du mir nie etwas gesagt hast?"
Frau Wu schüttelte den Kopf, Lan-may aber fing an zu weinen.
"Jetzt habt ihr mich dazu gebracht, mein Geheimnis zu verraten!" sagte sie.
Und Lan-may war so traurig, dass sie von ihrem Hocker aufsprang udn weinend aus dem haus lief, hinunter an den Fluss. sie grub die Erde neben den blauen Blumen auf, und da lag der kleine grüne Drachenfisch, ganz still.
Immerhin hatte sie nicht das ganze Geheimnis verraten. Sie hatt nicht erzählt, dass ihre Schwester Alice hieß, dass sie blaue Augen und gelbes Haar hatte. Nein, nein, das würde sie nie erzählen! Denn dann würden ihre Brüder die arme Alice auslachen, die doch nichts dafür konnte, dass sie so komisch aussah.
Da kam Alice schon das Ufer entlanggelaufen. Ihre gelben Haare flatterten im Wind.
"Oh, Alice!" rief Lan-may.
"Oh, Lan-may!" rief Alice, "Lan-may! Ich muss dir's erzählen. Meine Brüder waren schrecklich! Lan-may, ich kann wirklich nichts dafür ..."
"Wofür kannst du nichts?" fragte Lan-may.
"Ich - ich hab's erzählt!" stöhnte Alice. "Als ich zurückkam, fragte mein Vater, wo ich gewesen bin, und Tom sagte, ich sei aus der Umzäunung hinausgelaufen, und mein Vater sagte: 'Ich dachte, ich hätte euch gesagt, dass ihr nicht nach drüben dürft!', und Jack sagte: 'Sie geht immer hinaus!', und ich sagte: 'Nur dieses eine Mal. Ich ging nur, um zu sehen, ob in dem großen Netz unten am Fluss ein Fisch sei.' Und dann fragte mein Vater, ob ein Fisch drin gewesen sein, und da musste ich ja sagen. Oh, Lan-may, bevor ich es nur wusste, hatte ich's erzählt!"
"Mir ging es genauso", bekannte Lan-may, "und nun kommt mein Vater, um den Drachenfisch zu holen."
Sie streckte ihre rechte Hand aus, die den Fisch hielt. Und die beiden fassten sich an den Händen.
 


 

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 Inhalte von Eva Hensely
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