Die Geschichte des Monats:

Der Tanz der Waldfeen


Vor vielen Jahren lebte einmal ein Mann, der einen Sohn hatte. Sein Name war Anton.
Eines Tages, als der Vater merkte, dass der Sohn erwachsen geworden war, schickte er ihn fort, damit er seine eigenen Erfahrungen machte und selbständig wurde.
"Geh hinaus in die Welt, Sohn", sagte er. "Du bist jetzt alt genug. Betrachte dir die Dinge und Menschen genau und wähle, was für einen Beruf du erlernen willst. Wenn du mit deiner Ausbildung fertig bist und Reife erlangt hast, kannst du wieder nach Hause kommen."
Anton fiel es schwer, seinen Vater zu verlassen, doch andererseits sehnte er sich auch nach der großen weiten Welt, von der er noch nichts gesehen, aber schon viel gehört hatte. So verabschiedete er sich von seinem Vater und ging los.
Er durchwanderte Landschaften, Dörfer und Städte und lernte die verschiedensten Menschen kennen. Er hatte zahlreiche Lehrmeister, und bald hatte er viele Handwerke erlernt, denn es fiel ihm schwer, sich für eines zu entscheiden.
Doch mehr und mehr wandte er sich der Musik zu. Bei einem Musikanten hatte er das Geigenspiel erlernt. Er nahm seine Geige überallhin mit, und wenn er Geige spielte, war er zufrieden und guter Dinge. Auch fand er Trost im Spiel, wenn er Heimweh hatte oder die Menschen ihn verärgerten.
"Sehr gerne würde ich zu meinem Vater zurückkehren", dachte er. "Doch ich glaube, dass es noch zu früh ist, denn welchen Beruf kann ich mein Eigen nennen? Ich weiß es nicht, und so unwissend kann ich nicht heimkehren."
Er beschloss, sich ein wenig von den lauten Städten, in denen er gelebt hatte, zu erholen und wanderte quer durch die Landschaft.
Da kam er eines Tages in einen großen Wald. Es duftete nach Blättern und Nadeln, es war still, und Anton genoss den Frieden, der ihn umgab.
Bald ging die Sonne unter. Es wurde dunkel, und Nebel legte sich zwischen die Bäume. Als endlich der Mond aufging, glänzte der Wald weiß und hell, und Anton schritt weiter.
"Ich werde eine gute Stelle zum Lagern suchen", dachte er. "Morgen früh kann ich weiterziehen."
Da sah er plötzlich ein kleines Feuer zwischen den Bäumen. Um das Feuer herum bewegte sich etwas, was Anton nicht erkennen konnte. Als er näher hinging, bemerkte er, dass es junge Mädchen in grünen Kleidern waren, die um das Feuer herum sprangen. Auf ihren Rücken hatte sie große, weiße Flügel.

Großer Schrecken durchfuhr Anton.
"Wenn das nun schreckliche Waldgeister sind, die die Menschen verzaubern?" dachte er angstvoll. Am liebsten wäre er fortgerannt, doch die Mädchen bewegten sich so lieblich und zart, dass er von dem Anblick ganz gebannt war und stehen blieb.
Lange Zeit sah er dem Tanz zu. Die tanzenden Mädchen waren ganz in ihr Tun versunken und bemerkten ihn nicht. Zwischen ihnen standen Nebenschwaden, von oben schien der Mond und beleuchtete das Schauspiel.
Anton war entzückt und merkte gar nicht, dass ihm ein Seufzen entfuhr.
Da zuckten die Gestalten zusammen. Der Tanz brach ab, und die Mädchen stoben nach allen Seiten auseinander, um den Menschen, dessen Laut sie mit ihren feinen Ohren vernommen hatten, zu suchen.
Schnell hatte sie Anton entdeckt. Sie blieben vor ihm stehen und sahen ihm tief in die Augen. Davon wurde Anton verzaubert. Seine Augen wurden blind, sein Mund stumm. Denn wer den Waldfeen beim Tanz zusah, den straften sie mit Blindheit und Stummheit, damit er sie nicht mehr sehen und keinem ein Wort von ihnen berichten konnte.
"Jetzt bin ich verloren", dachte Anton verzweifelt. "Wie soll ich jetzt aus dem Wald finden? Und was soll ich nun mit meinem Leben anfangen?"
Stumm weinte er vor sich hin. Da ertasteten seine Finger die Geige, die er um die Schulter trug.
"Vielleicht kann mein Spiel die Waldfeen rühren", dachte er. "Wenn ich nicht mehr selbst sprechen kann, so kann es immer noch meine Geige!"
Er nahm die Geige in die Hände und begann zu spielen. Er spielte wunderschön und erzählte den Fenn damit von seinem Leid, und sie bekamen Mitleid mit ihm. Eine von ihnen trat zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Augen und die andere auf den Mund, und da bekam Anton sein Augenlicht und seine Sprache wieder.
"Bleib bei uns!" sagte die Fee. "Spiele für uns!"
Sie führten ihn zum Feuer, und Anton spielte ihnen zum Tanz auf.
Viele Jahre blieb er bei den Waldfeen. Dann ging er zurück nach hause zu seinem Vater. Doch die Jahre im Wald hatten ihn sehr verändert. Zwar war er nicht mehr blind und stumm, doch oft war sein Blick in die Ferne gerichtet, sodass er die Dinge und Menschen in seiner Nähe gar nicht richtig wahrnahm. Er sprach nicht viel, nur das allernötigste, und die meiste Zeit spielte er auf seiner Geige.
Jeden Sommer packte ihn die Sehnsucht nach dem Wald und den Waldfeen. Dann verschwand er für viele Wochen im Wald und kam erst wieder, wenn die Blätter von den Bäumen fielen und die Nächte kalt wurden. So blieb es sein ganzes Leben lang.


 

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 Inhalte von Eva Hensely
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