Mai 04
 

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Die Geschichte des Monats:

Das Mädchen im Moor


Vor langer Zeit gab es noch viele große Moore. Eines davon lag in den Wäldern von Böhmen.
Es war ein besonders gefährliches Moor. Viele Menschen und Tiere waren schon darin versunken. Auf den ersten Blick wirkte die Landschaft ganz harmlos. Blumen blühten dort, es wuchs Gras und Buschwerk. Doch ein falscher Schritt, und man war verloren.
Es hieß, dass sich des Nachts Geisterwesen herumtrieben. Vor allem vor einem solle man sich hüten, das sei das Moormädchen. Wen das Moormädchen in seine Fänge bekäme, mit dem sei es aus.
Jeder, der am Abend oder in der Nacht am Moor vorüber fuhr, glaubte die Geschichte. Denn in der Dunkelheit lag das Moor so unheimlich und schaurig da, dass es jedem graute. Nebel bedeckte es wie mit einem unheimlichen Schleier, Irrlichter tanzten auf und ab, als würden sie von Geisterhänden geschwungen.
Eines Tages nun kam ein junger Maler in diese Moorgegend. In der Nähe des Moors gab es ein Gasthaus, dort trat er ein.
“Wollt Ihr ein Zimmer für die Nacht?“, fragte ihn die Wirtin.
“Nein, danke, ein Zimmer brauche ich nicht“, antwortete der Mann. „Ich möchte nur etwas zu essen, dann will ich ins Moor hinaus und malen. Die Landschaft ist so traumhaft schön, wie ich noch nie eine gesehen habe!“
“Jetzt, am späten Nachmittag wollt Ihr ins Moor?“, fragte die Wirtin entsetzt. „Ja, wisst Ihr denn nicht, wie gefährlich es dort ist? Bald kommt die Dämmerung herauf. Wie wollt Ihr da wieder herausfinden?“
“Es wird mir schon nichts geschehen!“, sagte der Maler leichthin.
“Und am Abend erst, wenn es dunkel geworden ist“, warnte die Frau weiter. „Da kommen die Geister aus ihren Löchern! Vor allem vor dem Moormädchen muss man sich in Acht nehmen, sonst zieht es einen in die Tiefe. Dort kommt man nimmer mehr hinaus!“
“An Geister glaube ich nicht“, sagte der Mann. „Dann können sie mir auch nichts anhaben!“
Er aß die Mahlzeit, die die Wirtin ihm auftischte, dann machte er sich auf den Weg zum Moor.
Er packte seine Malsachen aus und begann zu malen.
“Solche wunderbaren Blumen gibt es nirgends sonst!“, dachte er.
Bald war er so versunken in sein Tun, dass er alles um sich herum vergaß. Immer weiter ging er ins Moor, malte Blumen, Schmetterlinge und dann den Sonnenuntergang über dem Moor.
Als es dunkel zu werden begann, wollte er seine Sachen zusammenpacken und aufbrechen, doch da kam ein wunderbar farbenprächtiger Schmetterling geflogen, von dem er so entzückt war, dass er ihn unbedingt malen wollte.
Er folgte dem Schmetterling, der von Blume zu Blume flog. Immer wenn der Maler nah herangekommen war, flog der Schmetterling von der Blume auf und flatterte weiter. Der Maler konnte nie nahe genug herankommen.
“Ach, schöner Schmetterling!“, rief der Maler. „Wie gerne würde ich dich malen. So bleibe doch einen Augenblick hier!“
Doch der Schmetterling flog weiter, und auf einmal war er fort. Der Maler schaute sich suchend um, aber er konnte ihn nirgends entdecken.
“Oh wie schade“, seufzte er. „Jetzt ist er weg.“
Da bemerkte er, dass um ihn herum schon tiefe Dunkelheit war. Er war so mit der Jagd nach dem Schmetterling beschäftigt gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie die Dunkelheit sich über das Moor gesenkt hatte.
“Jetzt bin ich mitten darin!“, dachte er angstvoll. „Wie soll ich hier je wieder hinausfinden?“
“Ich kann dir helfen!“, sagte eine zarte Stimme hinter ihm.
Er erschrak und wandte sich um. Da stand ein junges Mädchen, in einer Hand eine Laterne. Das Mädchen war wunderschön, hatte langes Haar und trug ein seltsames Kleid.
“Wie schön sie ist!“, dachte der Maler entzückt, und sofort fühlte er sich zu ihr hingezogen. „Kennst du dich hier im Moor aus?“, fragte er das Mädchen.

Es nickte und ging mit seiner Laterne voran. Der junge Mann folgte ihm.
Als sie eine Weile gegangen waren, drehte sich das Mädchen zu ihm um.
“Wollen wir ein wenig Rast machen?“, fragte es. Es deutete auf zwei große runde Steine, und sie ließen sich darauf nieder.
“Ich liebe dieses Moor“, sagte der Maler. „Ich könnte meine ganze Zeit hier verbringen und malen. Sogar bei Nacht ist es wunderschön hier!“
“Fürchtest du dich denn nicht?“, fragte das Mädchen.
“Warum sollte ich mich fürchten?“, antwortete er. „Du bist doch bei mir und führst mich. Da brauche ich keine Angst zu haben.
“Aber alle Menschen haben vor dem Moor Angst“, sagte das Mädchen. „Kennst du die Geschichte vom Moormädchen?“
Der Maler schüttelte den Kopf.
“Viele Jahre ist es her, da ist ein junges Mädchen in diesem Moor ertrunken“, erzählte das schöne Mädchen. „Es ist versunken, weil es von den Leuten aus dem Dorf ins Moor gejagt wurde.“
“Aber warum haben sie das getan?“, fragte der Maler bestürzt.
“Das Mädchen war eine Prinzessin. Sie kam von weither, um hier zu leben. Die Dorfleute waren neidisch auf ihre Schönheit und ihren Reichtum. Sie hassten sie nun nannten sie eine Hexe. Dabei wollte das Mädchen keinem etwas Böses, sondern nur ein friedliches, zufriedenes Leben führen.“
“Das arme Mädchen“, seufzte der Maler. „Es tut mir Leid.“
“Denkst du das wirklich?“, fragte das Mädchen erstaunt. „Tut dir das Mädchen wirklich Leid?“
“Aber ja!“ Der Maler schüttelte den Kopf. „So ein gehetztes Wesen muss einem ja Leid tun. So jung, und so grausam musste es sterben.“
Der junge Mann sah zu seiner Begleiterin und bemerkte, dass ihre Augen voller Tränen standen. Eine Ahnung überfiel ihn.
“Bist du das Moormädchen?“, frage er atemlos.
“Ja, ich bin es“, sagte die junge Frau. „Tagsüber lebe ich da unten im Moor, in der Dunkelheit. Nur in der Nacht, wenn der letzte Sonnenstrahl fort ist, darf ich hier oben spazieren gehen.“
“Du lebst dort unten, in der nassen, dunklen Tiefe, ganz allein?“, rief der Maler. „Oh du armes Geschöpf!“
Er sah sie eine Weile an.
“Du bist so schön“, sprach er dann, „dass ich am liebsten mit dir gehen würde!“
“Das würdest du tun?“, fragte das Moormädchen. „Würdest du mich wirklich begleiten?“
Der Mann nickte und nahm zärtlich ihre Hand.
“Ich würde überall mit dir hingehen“, sagte er. „An den schlimmsten Ort der Welt!“
Das Mädchen schaute ihn glücklich an und drückte seine Hand. Dann füllten sich seine Augen wieder mit Tränen.
“Es geht nicht“, flüsterte es mit tränenerstickter Stimme. „Noch darfst du nicht mitkommen. Es ist noch zu früh.“
Der Maler wurde sehr traurig und schaute das Mädchen noch einmal sehnsuchtsvoll an. Plötzlich hatte es eine glänzende Flöte in der Hand und blies eine liebliche Melodie. Da verlor er sein Bewusstsein und sah und hörte nichts mehr.
Als er aufwachte, lag er vor der Tür des Gasthauses, in dem er am Tag zuvor gegessen hatte. Wochenlang lag er fiebernd im Bett und träumte von nichts anderem als von dem Moormädchen.
“Nimm mich mit! Nimm mich mit!“, rief er immer wieder.
Als er sich endlich wieder erholt hatte, kehrte er zurück in seine Heimatstadt. Er begann wieder zu malen und lebte sein ruhiges Leben. Die Geschichte von seiner Begegnung mit dem Moormädchen erzählte er niemandem, aber er vergaß sie auch nie. Jeden Tag wartete er auf ein Zeichen, das ihm sagte, dass es nun an der Zeit war, ins Moor zurückzukehren.
Und eines Tages, als er schon ein alter Mann geworden war, flatterte ein wunderschöner Schmetterling in sein Zimmer. Er erkannte ihn sofort und wusste, dass nun endlich die Zeit gekommen war.
“Endlich ist es so weit“, sagte er glücklich und lächelte, und noch am selben Tag machte er sich auf, um in das weite, schöne Moor zu dem wunderschönen Mädchen zurückzukehren.

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