April 04
 

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Die Geschichte des Monats:

Das Glück der Elfen
Karin Brunowsky


Vor langer, langer Zeit, in einem Land, das heute niemand mehr kennt, lebte einst das Volk der Elfen. Sie waren winzig kleine Wesen, nicht größer als ein Finger deiner Hand. Sie hatten Flügel, die bunt schimmerten und ständig ihre Farben wechselten.
Beim Fliegen machten die Flügel ein ganz leises Geräusch, wie das Läuten einer kleinen Glocke, und dieses Läuten hatte eine ganz besondere Kraft. Jeder, der es hörte, fühlte sich glücklich, auch wenn er vorher noch ganz traurig gewesen war.
Weil die Elfen oft und gern flogen, war das Läuten ihrer Flügel immer und überall zu hören, so dass es in diesem Land niemanden gab, der traurig war.
Nur bei einem wirkte das Glücks-Läuten nicht: beim Zauberer Grusel. Er war ein sehr böser Zauberer, der die Elfen hasste, weil sie immer so fröhlich waren, und weil sie nur Gutes taten. Grusel überlegte sehr oft, was er dagegen tun könnte.
Zum Glück gab es im Land der Elfen noch einen zweiten Zauberer, der gut war. Sein Name war Kicherling. Stets war er zu Scherzen aufgelegt. Er liebte die Elfen und beschützte sie vor Grusel, so gut er konnte.
Doch eines Tages geschah etwas Schlimmes. Grusel hatte einen finsteren Plan geschmiedet. Er schlich sich in der Nacht in Kicherlings Schloss und verzauberte ihn. Kicherling erstarrte zu Stein. Nichts sollte den Zauber je brechen können, außer dem Läuten von Elfenflügeln.
Doch Grusels böses Werk war noch nicht beendet. Er ging in einer stürmischen Nacht zu den Elfen und verzauberte auch sie.
Als die Elfen am nächsten Morgen erwachten, waren ihre Flügel verschwunden. Sie waren verzweifelt. Nun konnten sie kein Glück mehr in die Welt bringen, und ohne Flügel konnten sie auch Kicherling nicht erlösen.

Hundert Jahre vergingen, und die meisten Elfen konnten sich gar nicht mehr daran erinnern, dass ihr Volk einst Flügel gehabt hatte. Sie wussten auch nicht mehr, wie es ist, glücklich zu sein. Ohne das wunderschöne Flügelläuten wurden manche immer trauriger, andere waren ständig grantig. Sogar die kleinen Elfenkinder stritten oft miteinander. Kein Spiel machte ihnen Freude.
Doch ein Elfenmädchen gab es, das war anders als die anderen. Sein Name war Kassandra.
Kassandra spielte nicht gern mit den anderen Kindern. Ihr bester Freund war Bell, ein großer bunter Schmetterling. Oft durfte sie auf seinen weichen, pelzigen Rücken klettern, und dann flogen die beiden hoch hinauf, bis alles unter ihnen ganz winzig aussah.
Bells Flügel läuteten zwar nicht, aber das Fliegen machte Kassandra trotzdem glücklich, und immer seltener war sie traurig oder ärgerlich.

Als sie älter wurde, verliebte sie sich in einen jungen Elfenmann namens Fridolin. Sie nahm ihn mit zu ihren Flügen mit Bell, und mit der Zeit wurde auch Fridolin immer fröhlicher.
Die beiden heirateten, und schon bald bekam Kassandra ein Kind.
Wie groß war die Überraschung der jungen Eltern, als sie sahen, dass ihr neugeborener Sohn winzige Flügelchen am Rücken hatte!
„Wie kann das möglich sein?”, fragte Fridolin seine Frau.
„Ich weiß nicht genau, aber ich denke, er hat die Flügel bekommen, weil wir so glücklich sind”, antwortete Kassandra.

Die beiden fingen an zu hoffen, dass nun das Leid der Elfen ein Ende haben würde. Sie gingen mit dem Kind, das sie Nikolas getauft hatten, ins Dorf, und Kassandra rief laut: „Seht alle her! Dies ist mein Kind, und es wird uns alle erlösen, denn es hat Flügel! Schon bald wird sein Läuten uns alle wieder glücklich machen!”
Neugierig kamen die Elfen näher, um sich die kleinen Flügelchen ansehen zu können. Aber keiner von ihnen freute sich. Sie wussten ganz einfach nicht, wie man sich freut, und die meisten glaubten gar nicht, dass es so etwas wie Freude oder Glück überhaupt gab

Die Zeit verging, der kleine Niki wurde immer größer, und mit ihm wuchsen auch seine Flügel. Wie man damit fliegen konnte, musste er ganz allein herausfinden, denn seine Eltern konnten es ihm ja nicht zeigen. Doch er lernte es rasch, und bald war das wunderbare Läuten überall zu hören.
Kassandra und Fridolin waren so glücklich wie nie zuvor. Doch weil die anderen Elfen so lange Zeit traurig gewesen waren, erreichte das Glück ihre Herzen nicht. Statt dessen wurde ihr Zorn auf Niki immer größer. Sie waren neidisch, weil er fliegen konnte, und sie nicht.
Deshalb beschlossen sie, ihn für immer weg zu bringen, damit sie ihn nie wieder sehen mussten. Eines Nachts, als Kassandra und Fridolin tief und fest schliefen, entführten sie ihn und brachten ihn weit, weit weg. Ganz allein ließen sie ihn zurück. Niki hatte große Angst, aber er machte sich auf die Suche nach dem Heimweg. Hoch, hoch flog er hinauf, um zu sehen, in welche Richtung er fliegen musste, aber nichts kam ihm bekannt vor.
Auf einmal sah er unter sich ein riesiges Schloss. Neugierig flog er näher. Es schien niemand da zu sein, also ging er hinein.
Plötzlich stand er vor einem sehr großen Mann, der ganz aus Stein war.
Sehr oft hatte ihm seine Mutter die Geschichte der Elfen erzählt, und deshalb wusste er, wer der Mann war: der Zauberer Kicherling. Niki wusste auch, wie er erlöst werden konnte.
Ganz langsam begann er, mit den Flügeln zu schlagen, bis das leise Läuten in der großen Halle zu hören war. Auf einmal veränderte sich der Stein-Zauberer. Er verwandelte sich zurück in einen Menschen.
Als er Niki sah, meinte er lächelnd: „Sieh mal an,
wen haben wir denn da?”

Nachem Niki dem Zauberer Kicherling erzählt hatte, was mit den Elfen geschehen war, machten sich die beiden sofort auf den Heimweg. Für Kicherling war es nicht schwer, den Weg zu finden. Als sie ankamen, war es finstere Nacht.
Kicherling stellte sich in die Mitte des Dorfes und nahm seinen Zauberstab in die Hand. Er murmelte einen Zauberspruch, und plötzlich flogen wunderschöne leuchtende Sterne durch die Luft, die die Nacht erhellten. Auf jedes Elfenhaus fiel ein Stern.
Nach einer Weile kamen aus allen Häusern verwunderte Elfen heraus, und sie alle hatten Flügel!
Alle fingen gleichzeitig an zu fliegen, und das Läuten so vieler Flügel war wie eine wunder-schöne Musik, die Glück und Freude in die Herzen der Elfen brachte.
So laut war die Musik, dass sie bis zum Schloss des bösen Zauberers Grusel zu hören war. Der konnte so viel Schönheit und Glück nicht ertragen und rannte weit fort. Nie wieder kam er zurück in die Nähe der Elfen.

Seit dieser Nacht gibt es nur mehr glückliche Elfen, und jeden Tag versuchen sie, die Menschen dazu zu bringen, wieder an sie zu glauben.

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