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Die
Geschichte des Monats:
Das Geisterschloss
Teil 2
Das geschah im ersten
Teil:
Ein Bäcker besaß ein altes Schloss und wollte es billig vermieten, doch
die Familie, die es mietete, ergriff die Flucht, weil es dort angeblich
spukte. Also schickte der Bäcker seinen ersten Gesellen hin, um
festzustellen, ob das stimmte. In der Nacht brach ein fürchterlicher Lärm
an, und der Geselle rannte davon, als etwas in den Kamin fiel.
Am nächsten Tag bot sich der zweite Geselle freiwillig an, eine Nacht im
Schloss zu verbringen. Er war furchtloser und hatte keine Angst, als der
Lärm anfing und auch bei ihm etwas in den Kamin fiel ...
Der Geselle griff Der Geselle griff unerschrocken in den Kamin, um zu
sehen, was da hineingefallen war. Angst hatte er wirklich keine, denn es
machte ihm nicht das Geringste aus, dass er das Bein eines Menschen in der
Hand hatte.
"Na so etwas, ein Bein!" rief er aus. "Wo mag das wohl hingehören?"
Als nichts mehr passierte, legte er das Bein weg und las weiter
in seinem Buch. Nach einer Weile rumpelte und heulte es erneut im
Schornstein, und gleich darauf landete wieder etwas im Kamin.
"Hier wird man ja immerzu beim Lesen gestört!" rief der Geselle und griff
in den Kamin.
"Aha, das zweite Bein! Warum wohl nicht der ganze Körper im Stück
herunterkommt?" wunderte sich der unerschrockene junge Mann und beugte
sich wieder über sein Buch.
Bald danach begann es wieder zu heulen und zu rumpeln, aus dem Schornstein
kam ein lautes Gepolter und nochmals landete etwas auf dem Feuer im Kamin.
"Lass mich raten!" lachte der Geselle. "Es müsste doch der Rumpf zu den
Beinen sein!"
Er hatte richtig geraten, packte den Rumpf und legte ihn zu den Beinen.
"Na, bald wird der ganze Mensch vor mir stehen. Kann nicht mehr lange
dauern."
Sein Buch aber war so spannend, dass er die Zeit nicht mit Warten
vergeuden wollte, und er machte sich wieder ans Lesen.
Er vergaß alles um sich herum, bis er von einem Poltern gestört wurde, das
unbeschreiblich laut war und von einem Heulen, das durchdringender war als
bisher.
"Ob es wohl die Arme sind oder der Kopf?" fragte sich der junge Geselle,
stand auf und fand zwei Arme im Kamin. Er holte sie heraus und legte sie
zu den übrigen Körperteilen. Er legte alles so zusammen, dass es an der
richtigen Stelle lag. Dann setzte er sich wieder an den Tisch, zündete
eine zweite Kerze an, weil die Erste schon fas heruntergebrannt war und
wollte weiter lesen, da polterte ein Kopf aus dem Schornstein und kullerte
in eine Ecke der Küche.
"Der arme Mensch", sprach der Geselle. "Dem muss ich doch helfen, der Kopf
findet den Körper bestimmt nicht von allein!"
Er holte den Kopf und legte ihn an die Stelle des Rumpfes, wo er
hingehörte.
"Jetzt ist es wieder richtig. So sieht ein Mensch aus, und nicht anders."
Er
wollte sich gerade wieder an den Tisch setzen, um endlich in Ruhe in
seinem Buch weiter zu lesen, da begann sich der zusammengesetzte Körper zu
bewegen, erst langsam, dann schn eller. Er schüttelte sich und stellte sich
auf die Füße.
"He du, was hast du hier zu suchen?" schrie der Geist den Gesellen an.
"Das Schloss gehört mir, hier darf kein Fremder hinein!"
"Ist das der Dank, dass ich dich zusammengefügt habe?" rief der Geselle
zurück. "Wenn ich nicht hier wäre, würdest du noch immer in Einzelteilen
durch dein Schloss fliegen! Also schrei mich nicht an, sondern bedanke
dich lieber!"
Der Geist baute sich vor dem Gesellen auf und sah ihn mit stechenden Augen
an. Wieder polterte und rasselte es. Es heulte und zischte, und aus den
Augen des Geistes schienen Funken zu sprühen.
"Folge mir!" befahl der Geist. "Tust du es nicht, wirst du sterben!"
Der Geselle lachte den Geist an.
"Keine Sorge, ich komme freiwillig", sagte er.
"Zum Weiterlesen komme ich ja sowieso nicht mehr. Wohin soll es denn
gehen? Gibt es etwas Interessantes zu sehen?"
Der junge Mann ging hinter dem Geist her. Sie kamen durch einige
Gebäudeteile, denen die Decke fehlte. Das Mondlicht schien herein, ein
Käuzchen rief, und die Schatten bewegten sich leise.
Sie kamen an eine Treppe, die tief nach unten in den Keller führte. Der
Geist drehte sich zum Gesellen um und winkte ihn noch näher heran.
"Bleibe dicht bei mir, sonst wird es dir übel ergehen!" donnerte er.
"Bin überaus gespannt, was es im Keller zu sehen gibt!" rief der Geselle.
Sie stiegen die Treppe hinunter, Stufe um Stufe. Die Stufen waren hoch und
glitschig. Von den Wänden lief Wasser.
Vor einer großen Tür machte der Geist Halt. Er wollte dem Gesellen einen
schweren Schlüssel reichen.
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"Los, aufschließen!" donnerte er.
"Ist doch dein Schloss, nicht meines. Du musst schon selber aufschließen!
rief der Geselle frech. Er ließ sich nicht einschüchtern.
"Hier, du fauler Kerl! Nimm den Schlüssel und schließe auf! Ich befehle es
dir!" schrie der Geist zornig.
Der Geselle ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
"Mach es selbst", sagte er.
Das Gepolter im Schloss wurde wieder lauter. Es zischte und rasselte in
allen Ecken. Der Geist war sehr zornig und knirschte und heulte, aber es
blieb ihm nichts Anderes übrig, als den Schlüssel selbst in das Schloss zu
stecken.
Sie traten ein und standen in einem großen Saal. Der Saal war gefüllt mit
Gold, Silber und Edelsteinen in allen Farben. Die blitzten, glänzten und
leuchteten derart, dass der junge Geselle ganz geblendet war.
"Donnerwetter! Das ist also deine Schatzkammer, was?" rief er aus.
Der Geist sah den Bäckergesellen verschlagen an und flüsterte mit
lockender Stimme: "Nimm dir davon, Bürschchen! Nimm dir, so viel du Lust
hast! Was immer du nimmst kannst du behalten, glaube mir!"
Der junge Mann sah sich in der Pracht und glitzernden Herrlichkeit um.
"Los, mach schon!" zischte der Geist ungeduldig.
Der Geselle schüttelte den Kopf.
"Nein, danke. Ist doch dein Schatz, nicht meiner."
Der junge Bäckergeselle war bescheiden und mit seinem Leben zufrieden. Er
brauchte keine kostbaren Schätze, weder Gold noch Edelsteine.
Der Geist zischte und knirschte, der polternde Lärm im Schloss nahm zu,
aber der Geselle ließ sich nicht umstimmen.
Sie gingen weiter und kamen an einen langen unterirdischen Gang. Sie
gingen hindurch, bis sie erneut an eine schwere Eisentür kamen. Der Geist
drehte ächzend den schweren Schlüssel im Schloss um, und vor ihnen lag ein
wunderschöner Garten. Die schönsten Blumen wuchsen darin. Bunte schöne
Vögel saßen in den Bäumen und zwitscherten, das Gras wuchs grün und üppig,
und kleine, zarte Schmetterlinge flogen von Blüte zu Blüte.
Der Geist hob eine Schaufel vom Boden auf und reichte sie dem
Bäckergesellen.
"Los, fang an zu graben!" befahl er.
Der Geselle schüttelte wieder den Kopf.
"Nein, ist doch dein Garten, nicht meiner. Du musst schon selber graben",
sagte er ruhig.
Der Geist wurde wieder wütend.
"Fang an zu graben! Wenn du es nicht tust, wird es dir übel ergehen!"
schrie er.
Der Geselle blieb ruhig und ohne Furcht.
"Mach es selbst", sagte er.
So musste der Geist selbst graben. Er grub und grub und ächzte dabei
schwer. Er grub so lange, bis er mit der Schaufel an etwas Eisernes stieß.
Es war ein Topf.
Der Geist winkte den Gesellen heran.
"Hole den Topf heraus, aber schnell!"
Der Geselle schüttelte auch diesmal den Kopf. Er sagte: "Ist doch dein
Topf, nicht meiner. du musst ihn schon selbst herausholen."
Der Geist knirschte und zischte wieder und hob drohend die Faust, aber der
Geselle ließ sich nicht einschüchtern.
Es blieb dem Geist nichts Anderes übrig, als den Topf selbst
herauszuholen. Das dauerte eine ganze Weile, denn der Topf war groß und
sehr schwer. Aber als er vor den Füßen des Gesellen lag, sah dieser, dass
er mit Gold und Silber gefüllt war. Deswegen
war er so schwer.
Der Geist blickte den jungen Mann drohend an.
"Wenn du jetzt nicht tust, was ich verlange, wirst du sterben!" rief er.
"Teile die Gold- und Silberstücke gerecht in zwei Teile! Ein Teil für
dich, einer für mich!"
Der Geselle, der sich aus Gold und Silber nicht viel machte, war nicht zu
erschrecken.
"Ist doch dein Gold und Silber, nicht meines" sagte er nur.
Nun musste der Geist den Topfinhalt selbst teilen. Er macht aus dem Gold
und dem Silber drei gleiche Teile, und jeder Teil war groß und glänzend.
Dann verschnaufte der Geist und schaute den Gesellen an. Er sah gar nicht
mehr böse aus und war auch nicht mehr zornig. Er hatte aufgehört zu
knirschen und zu zischen, und auch das Schloss war ruhig und friedlich.
Der Geist sprach, diesmal mit ruhiger und freundlicher Stimme.
"Ich habe es in drei Teile aufgeteilt. Der eine Teil ist für die Armen,
der andere für deinen Herrn, den Bäcker, der dritte Teil ist für dich. Die
ganzen Schätze habe ich, Graf und einstiger Herr dieses Schlosses, vor
vielen Jahren geraubt. Darum habe ich keinen Frieden gefunden und musste
in meine Körperteile zerlegt im Schloss umherirren. Du hast mich
zusammengesetzt, und du hast den Schätzen widerstanden. Dadurch hast du
mich erlöst, und ich kann nun in Frieden ruhen. Nimm dir deinen Teil und
werde glücklich!"
Er winkte dem Gesellen zu, und dann fiel er in sich zusammen und
hinterließ nur eine Rauchwolke.
Der junge Geselle nahm das Gold und das Silber und gab einen Teil den
Armen, den anderen Teil dem Bäcker, und den dritten Teil behielt er
selbst. Er heiratete bald, kaufte sich ein schönes Häuschen und machte
eine eigene kleine Bäckerei auf. So lebte er glücklich und zufrieden bis
an sein Ende. |