März 04
 

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Die Geschichte des Monats:

Das Geisterschloss
Teil 2

 

Das geschah im ersten Teil:
Ein Bäcker besaß ein altes Schloss und wollte es billig vermieten, doch die Familie, die es mietete, ergriff die Flucht, weil es dort angeblich spukte. Also schickte der Bäcker seinen ersten Gesellen hin, um festzustellen, ob das stimmte. In der Nacht brach ein fürchterlicher Lärm an, und der Geselle rannte davon, als etwas in den Kamin fiel.
Am nächsten Tag bot sich der zweite Geselle freiwillig an, eine Nacht im Schloss zu verbringen. Er war furchtloser und hatte keine Angst, als der Lärm anfing und auch bei ihm etwas in den Kamin fiel ...

Der Geselle griff Der Geselle griff unerschrocken in den Kamin, um zu sehen, was da hineingefallen war. Angst hatte er wirklich keine, denn es machte ihm nicht das Geringste aus, dass er das Bein eines Menschen in der Hand hatte.
"Na so etwas, ein Bein!" rief er aus. "Wo mag das wohl hingehören?"
Als nichts mehr passierte, legte er das Bein weg und las weiter in seinem Buch. Nach einer Weile rumpelte und heulte es erneut im Schornstein, und gleich darauf landete wieder etwas im Kamin.
"Hier wird man ja immerzu beim Lesen gestört!" rief der Geselle und griff in den Kamin.
"Aha, das zweite Bein! Warum wohl nicht der ganze Körper im Stück herunterkommt?" wunderte sich der unerschrockene junge Mann und beugte sich wieder über sein Buch.
Bald danach begann es wieder zu heulen und zu rumpeln, aus dem Schornstein kam ein lautes Gepolter und nochmals landete etwas auf dem Feuer im Kamin.
"Lass mich raten!" lachte der Geselle. "Es müsste doch der Rumpf zu den Beinen sein!"
Er hatte richtig geraten, packte den Rumpf und legte ihn zu den Beinen.
"Na, bald wird der ganze Mensch vor mir stehen. Kann nicht mehr lange dauern."
Sein Buch aber war so spannend, dass er die Zeit nicht mit Warten vergeuden wollte, und er machte sich wieder ans Lesen.
Er vergaß alles um sich herum, bis er von einem Poltern gestört wurde, das unbeschreiblich laut war und von einem Heulen, das durchdringender war als bisher.
"Ob es wohl die Arme sind oder der Kopf?" fragte sich der junge Geselle, stand auf und fand zwei Arme im Kamin. Er holte sie heraus und legte sie zu den übrigen Körperteilen. Er legte alles so zusammen, dass es an der richtigen Stelle lag. Dann setzte er sich wieder an den Tisch, zündete eine zweite Kerze an, weil die Erste schon fas heruntergebrannt war und wollte weiter lesen, da polterte ein Kopf aus dem Schornstein und kullerte in eine Ecke der Küche.
"Der arme Mensch", sprach der Geselle. "Dem muss ich doch helfen, der Kopf findet den Körper bestimmt nicht von allein!"
Er holte den Kopf und legte ihn an die Stelle des Rumpfes, wo er hingehörte.
"Jetzt ist es wieder richtig. So sieht ein Mensch aus, und nicht anders."
Er wollte sich gerade wieder an den Tisch setzen, um endlich in Ruhe in seinem Buch weiter zu lesen, da begann sich der zusammengesetzte Körper zu bewegen, erst langsam, dann schneller. Er schüttelte sich und stellte sich auf die Füße.
"He du, was hast du hier zu suchen?" schrie der Geist den Gesellen an.
"Das Schloss gehört mir, hier darf kein Fremder hinein!"
"Ist das der Dank, dass ich dich zusammengefügt habe?" rief der Geselle zurück. "Wenn ich nicht hier wäre, würdest du noch immer in Einzelteilen durch dein Schloss fliegen! Also schrei mich nicht an, sondern bedanke dich lieber!"
Der Geist baute sich vor dem Gesellen auf und sah ihn mit stechenden Augen an. Wieder polterte und rasselte es. Es heulte und zischte, und aus den Augen des Geistes schienen Funken zu sprühen.
"Folge mir!" befahl der Geist. "Tust du es nicht, wirst du sterben!"
Der Geselle lachte den Geist an.
"Keine Sorge, ich komme freiwillig", sagte er.
"Zum Weiterlesen komme ich ja sowieso nicht mehr. Wohin soll es denn gehen? Gibt es etwas Interessantes zu sehen?"
Der junge Mann ging hinter dem Geist her. Sie kamen durch einige Gebäudeteile, denen die Decke fehlte. Das Mondlicht schien herein, ein Käuzchen rief, und die Schatten bewegten sich leise.
Sie kamen an eine Treppe, die tief nach unten in den Keller führte. Der Geist drehte sich zum Gesellen um und winkte ihn noch näher heran.
"Bleibe dicht bei mir, sonst wird es dir übel ergehen!" donnerte er.
"Bin überaus gespannt, was es im Keller zu sehen gibt!" rief der Geselle.
Sie stiegen die Treppe hinunter, Stufe um Stufe. Die Stufen waren hoch und glitschig. Von den Wänden lief Wasser.
Vor einer großen Tür machte der Geist Halt. Er wollte dem Gesellen einen schweren Schlüssel reichen.

"Los, aufschließen!" donnerte er.
"Ist doch dein Schloss, nicht meines. Du musst schon selber aufschließen! rief der Geselle frech. Er ließ sich nicht einschüchtern.
"Hier, du fauler Kerl! Nimm den Schlüssel und schließe auf! Ich befehle es dir!" schrie der Geist zornig.
Der Geselle ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
"Mach es selbst", sagte er.
Das Gepolter im Schloss wurde wieder lauter. Es zischte und rasselte in allen Ecken. Der Geist war sehr zornig und knirschte und heulte, aber es blieb ihm nichts Anderes übrig, als den Schlüssel selbst in das Schloss zu stecken.
Sie traten ein und standen in einem großen Saal. Der Saal war gefüllt mit Gold, Silber und Edelsteinen in allen Farben. Die blitzten, glänzten und leuchteten derart, dass der junge Geselle ganz geblendet war.
"Donnerwetter! Das ist also deine Schatzkammer, was?" rief er aus.
Der Geist sah den Bäckergesellen verschlagen an und flüsterte mit lockender Stimme: "Nimm dir davon, Bürschchen! Nimm dir, so viel du Lust hast! Was immer du nimmst kannst du behalten, glaube mir!"
Der junge Mann sah sich in der Pracht und glitzernden Herrlichkeit um.
"Los, mach schon!" zischte der Geist ungeduldig.
Der Geselle schüttelte den Kopf.
"Nein, danke. Ist doch dein Schatz, nicht meiner."
Der junge Bäckergeselle war bescheiden und mit seinem Leben zufrieden. Er brauchte keine kostbaren Schätze, weder Gold noch Edelsteine.
Der Geist zischte und knirschte, der polternde Lärm im Schloss nahm zu, aber der Geselle ließ sich nicht umstimmen.
Sie gingen weiter und kamen an einen langen unterirdischen Gang. Sie gingen hindurch, bis sie erneut an eine schwere Eisentür kamen. Der Geist drehte ächzend den schweren Schlüssel im Schloss um, und vor ihnen lag ein wunderschöner Garten. Die schönsten Blumen wuchsen darin. Bunte schöne Vögel saßen in den Bäumen und zwitscherten, das Gras wuchs grün und üppig, und kleine, zarte Schmetterlinge flogen von Blüte zu Blüte.
Der Geist hob eine Schaufel vom Boden auf und reichte sie dem Bäckergesellen.
"Los, fang an zu graben!" befahl er.
Der Geselle schüttelte wieder den Kopf.
"Nein, ist doch dein Garten, nicht meiner. Du musst schon selber graben", sagte er ruhig.
Der Geist wurde wieder wütend.
"Fang an zu graben! Wenn du es nicht tust, wird es dir übel ergehen!" schrie er.
Der Geselle blieb ruhig und ohne Furcht.
"Mach es selbst", sagte er.
So musste der Geist selbst graben. Er grub und grub und ächzte dabei schwer. Er grub so lange, bis er mit der Schaufel an etwas Eisernes stieß. Es war ein Topf.
Der Geist winkte den Gesellen heran.
"Hole den Topf heraus, aber schnell!"
Der Geselle schüttelte auch diesmal den Kopf. Er sagte: "Ist doch dein Topf, nicht meiner. du musst ihn schon selbst herausholen."
Der Geist knirschte und zischte wieder und hob drohend die Faust, aber der Geselle ließ sich nicht einschüchtern.
Es blieb dem Geist nichts Anderes übrig, als den Topf selbst herauszuholen. Das dauerte eine ganze Weile, denn der Topf war groß und sehr schwer. Aber als er vor den Füßen des Gesellen lag, sah dieser, dass er mit Gold und Silber gefüllt war. Deswegen war er so schwer.
Der Geist blickte den jungen Mann drohend an.
"Wenn du jetzt nicht tust, was ich verlange, wirst du sterben!" rief er.
"Teile die Gold- und Silberstücke gerecht in zwei Teile! Ein Teil für dich, einer für mich!"
Der Geselle, der sich aus Gold und Silber nicht viel machte, war nicht zu erschrecken.
"Ist doch dein Gold und Silber, nicht meines" sagte er nur.
Nun musste der Geist den Topfinhalt selbst teilen. Er macht aus dem Gold und dem Silber drei gleiche Teile, und jeder Teil war groß und glänzend. Dann verschnaufte der Geist und schaute den Gesellen an. Er sah gar nicht mehr böse aus und war auch nicht mehr zornig. Er hatte aufgehört zu knirschen und zu zischen, und auch das Schloss war ruhig und friedlich.
Der Geist sprach, diesmal mit ruhiger und freundlicher Stimme.
"Ich habe es in drei Teile aufgeteilt. Der eine Teil ist für die Armen, der andere für deinen Herrn, den Bäcker, der dritte Teil ist für dich. Die ganzen Schätze habe ich, Graf und einstiger Herr dieses Schlosses, vor vielen Jahren geraubt. Darum habe ich keinen Frieden gefunden und musste in meine Körperteile zerlegt im Schloss umherirren. Du hast mich zusammengesetzt, und du hast den Schätzen widerstanden. Dadurch hast du mich erlöst, und ich kann nun in Frieden ruhen. Nimm dir deinen Teil und werde glücklich!"
Er winkte dem Gesellen zu, und dann fiel er in sich zusammen und hinterließ nur eine Rauchwolke.
Der junge Geselle nahm das Gold und das Silber und gab einen Teil den Armen, den anderen Teil dem Bäcker, und den dritten Teil behielt er selbst. Er heiratete bald, kaufte sich ein schönes Häuschen und machte eine eigene kleine Bäckerei auf. So lebte er glücklich und zufrieden bis an sein Ende.

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