Die Geschichte des Monats:

Das Geisterschloss
Teil 1

 

Vor langer Zeit stand am Bodensee ein Schloss, zu dem ein unterirdischer Gang gehörte. Als es keine Schlossherren mehr hatte, verfiel es mehr und mehr, und bald war davon nur noch eine Ruine übrig. Es hieß, dass es in der Schlossruine Geister gebe, aber ein Bäcker, der in dieser Gegend wohnte, gab nichts darauf und kaufte sie.
Ein paar Zimmerchen gab es noch, die ganz gut erhalten waren, und in denen man wohnen konnte. Der Bäcker wollte die Zimmer an arme Menschen vermieten und nur geringe Miete dafür verlangen.
Ein Besenbinder, der wenig Geld hatte und eine große Familie ernähren musste, freute sich sehr über die billige Wohnmöglichkeit und mietete die Schlosszimmer für sich und seine Familie.
Länger als drei Nächte hielten sie es jedoch nicht aus. Verwirrt und verschreckt kam die ganze Besenbinderfamilie am vierten Tag zum Bäcker.
"Wir wollen weiterziehen und uns eine andere Wohnung suchen", sagten sie.
Der Bäcker wunderte sich sehr.
"Aber das sind doch schöne kleine Zimmerchen, und nur billige Miete müsst ihr mir geben! Was treibt euch denn weg?" fragte er.
Der Besenbinder sah sich vorsichtig um und antwortete ganz leise, dass der Bäcker ihn kaum verstand:
"In der Ruine spukt es!" Als er es sagte, rückte die ganze Familie, die hinter ihm stand, noch ein wenig enger zusammen.
Der Bäckermeister brach in lautes Lachen aus.
"Was kümmern dich denn Geister! Wenn es sie tatsächlich geben soll, dann lasst euch nicht von ihnen verschrecken! Zieht euch die Decke über den Kopf und lasst Geister Geister sein! So eine schöne Wohnung für so wenig Geld bekommt ihr nie wieder!"
"Nie im Leben ziehen wir dort wieder ein! Dort sind üble Geister am Werk. Jede Nacht sind sie so laut, dass man nicht schlafen kann. Man meint gerade, dass die Decke jeden Augenblick auf einen herunterfällt! Nein, wir gehen! Und wenn du uns nicht glaubst, dann geh doch nachsehen!"
So sprach der Besenbinder, und seine Familie nickte bei jedem Satz zustimmend.
Er nickte dem Bäcker zu, nahm das kleinste seiner Kinder auf die Schulter, und die Besenbinderfamilie zog davon.
Der Bäcker schüttelte den Kopf über den ängstlichen Besenbinder, und dann lachte er laut.
"Der hat Angst vor Geistern! Man soll's nicht glauben!"
Er ging in seine Backstube zurück und machte sich an den Teig. Er dachte noch eine Weile an den Besenbinder und seine Geisterangst, und je länger er daran dachte, desto mehr begann es ihn zu interessieren, was in den Nächten im Schloss los war. Ob dort wirklich Geister am Werk waren?
"Bevor ich selber gehe, schicke ich lieber meinen Gesellen hin", dachte er und rief seinen ersten Gesellen zu sich.
"Höre, du bist doch ein unerschrockener Mensch. Ich habe gehört, dass es im Schloss spuken soll. Ich glaube es zwar nicht, aber nachsehen sollte man doch. Bleibe eine Nacht, und dann komm zu mir und berichte mir, ob du etwas gehört oder gesehen hast!"
Der Bäcker klopfte dem Gesellen bei seinen Worten auf die Schulter und nickte ihm aufmunternd zu.
Der Geselle schluckte ein wenig, aber er hielt es für besser zu tun, was sein Meister ihm auftrug.
"Ein bisschen mulmig ist mir schon. Warum geht denn der Meister nicht selber hin?" dachte er. "Na, es wird schon keine Gespenster geben!"
Als es Abend war, packte der Geselle etwas Wasser und Brot ein und machte sich auf den Weg. Es war nicht weit zu gehen, nur eine halbe Stunde den Hügel hinauf.
Bald war er an der Schlossruine angelangt. Sie stand still und verlassen da. Ihre Mauern leuchteten silbern, vom Mond beschienen, der weiß und rund am Nachthimmel stand. Die großen dunklen Fensteröffnungen gähnten dem Gesellen entgegen, und ihm war, als wären es Augen, die ihn anstarrten. Der Wind rauschte durch die halb verfallenen Mauern, ein Käuzchen rief von irgendwoher.
Dem Gesellen kroch eine Gänsehaut am Rücken herunter. Schnell ging er auf die Ruine zu, öffnete eine knarrende Tür und ging hinein. Er stand in einer großen Küche, in der sich ein großer Kamin und ein altes Bett befanden. Er machte ein kleines Feuer im Kamin, weil ihn fror und legte sich bald in das alte Bett. Eine ganze Weile lag er wach und lauschte in die Nacht.
"Unheimlich ist es hier schon", dachte er. "Lieber schlafe ich jetzt, dann geht die Nacht schneller vorbei."
 

Er schlief ein und begann leise und friedlich zu schnarchen. Da weckte ihn plötzlich ein unglaublicher Lärm. Voll Schreck setzte er sich im Bett auf, begann zu zittern und wurde grün im Gesicht. In der Ruine rumpelte und rasselte und heulte es, dass es zum Schaudern war. Es wurde immer lauter, und der Geselle dachte, sein letztes Stündlein habe geschlagen, und gleich würde die Decke über ihm zusammenbrechen.
Plötzlich hörte er ein Zischen und Poltern aus dem Schornstein. Mit lautem Getöse landete etwas mitten auf der Glut des Kamins, die Glut begann erneut zu brennen und eine Flamme schoss hoch. Der Geselle starrte mit schreckensgeweiteten Augen in den Kamin. Seine Haare standen ihm zu Berge. Er wollte schreien, aber es kam kein Ton aus seiner Kehle. Er starrte auf das, was er im Kamin sah, dann sprang er aus dem Bett und rannte so schnell den Hügel hinunter, als wäre der Teufel hinter ihm her.
Er läutete beim Bäckermeister, der ihm öffnete und ihn in die Stube nahm.
"Was zitterst du und kannst dich gar nicht mehr beruhigen! Gibt es also Geister dort oben im Schloss? Erzähle!"
Der Bäcker war neugierig und wollte alles wissen.
Der Geselle musste einige Male schwer schlucken, bevor er ein Wort herausbrachte.
"Im Schloss rasselt und rumpelt es, dass man meint, man wird gleich umgebracht! Dort müssen Hunderte von Geistern am Werk sein! Nicht für tausend Goldstücke gehe ich da noch einmal hin! Nie wieder!"
Der Geselle zitterte immer noch, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn.
"Hast du etwas gesehen?" fragte der Bäcker gespannt. "Sag schon, was hast du gesehen? Was du gehört hast, interessiert mich nicht! Was du gesehen hast, will ich wissen! Deswegen habe ich dich doch hinaufgeschickt!"
Der Bäcker wurde ganz ungeduldig.
Der Geselle schaute den Bäcker mit großen angstvollen Augen an und schüttelte den Kopf.
"Das kann ich dir nicht sagen", sagte er mit rauer Stimme. "Das war so schrecklich, das kann man nicht sagen! Und wenn du mich dafür fortjagst!"
"Da habe ich dich ganz umsonst hingeschickt!"
Der Bäcker war sehr unzufrieden mit seinem Gesellen.
"Na, geh nur schlafen und erhole dich von deinem Schreck, dass du morgen wieder tüchtig arbeiten kannst!"
Der Geselle ging in seine Kammer, legte sich in sein gemütliches Bett und zog sich die Decke über den Kopf.
"Nie wieder, nie wieder", murmelte er noch, während er einschlief.
Der Bäcker blieb noch in seiner Stube sitzen und überlegte, was als Nächstes zu machen wäre, damit er endlich erfahren könnte, was des Nachts im Schloss passierte.
"Ob ich selbst hinaufgehen soll?" überlegte er. "Morgen sehen wir weiter." Dann ging auch der Bäcker wieder schlafen.
Am nächsten Morgen sprach ihn sein zweiter Geselle an.
"Ich kann hinaufgehen", sagte er. "Ich habe keine Angst. So unerschrocken wie ich ist keiner!"
Er hatte mitbekommen, dass der erste Geselle in der Nacht oben im Schloss gewesen und vor Schreck von dort geflohen war.
Der Bäcker überlegte. Der zweite Geselle war noch sehr jung. Wenn es im Schloss wirklich spukte, sollte man keinen so jungen Menschen hinschicken. Aber wenn er sich freiwillig anbot?
"Nun gut, dann geh du", sagte der Bäckermeister zu ihm. "Wenn du dich anfängst zu fürchten, dann lauf schnell weg. Das nächste Mal werde ich hinaufgehen."
"Ich bekomme so schnell keine Angst", lachte der Geselle unbekümmert. "Ich würde es auch hundert Nächte in einem Geisterschloss aushalten, nicht nur eine!"
Er bekam Wasser, Brot und ein Stück Schinken vom Bäcker mit, packte sich noch ein dickes Buch zum Lesen ein und stieg fröhlich hinauf, sobald es Abend wurde. Das Schloss gefiel ihm, wie es so vom Mond beschienen dastand. Er hörte ein Käuzchen rufen, aber unheimlich fand er das nicht. Er ging in die Küche hinein, machte ein Feuer im Kamin an, füllte Wasser in den Kessel und kochte den Schinken. Um genügend Licht zu haben, zündete er eine Kerze an, setzte sich an den Tisch, aß seine Suppe und las in seinem Buch.
Um Mitternacht, während der Geselle noch immer am Tisch saß und in seinem Buch las, begann ein unglaublich lautes Gepolter und Gerassel und Geheule. Es rumpelte, als würden die Mauern zusammenfallen, und plötzlich fiel etwas mit viel Lärm von oben durch den Schornstein in den Kamin. Der Geselle griff unerschrocken in den Kamin, um zu sehen, was da hineingefallen war ...

Möchtest du wissen, was der junge Geselle aus dem Kamin gezogen hat, und was er in dem Geisterschloss noch so alles erlebt? Dann musst du dich ein bisschen gedulden und im nächsten Monat wieder reinschauen!
Es geht spannend weiter!


 

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 Inhalte von Eva Hensely
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