Jänner 04
 

Für Kids Geschichten Wissenswertes Geburtstage Spiele

 

Die Geschichte des Monats:

Michi und der Fernsehwichtel
Klara Kubicka

 

Wie ein geölter Blitz kam Michi die Straße herauf gerannt. Gerade noch war er auf dem Spielplatz gewesen. Aber als die Kirchturmuhr vier Uhr schlug, war Michi nicht mehr zu halten.
Meine Güte, dachte er, in einer halben Stunde beginnt ja im Fernsehen die Kinderstunde!
Und Michi rannte so schnell er konnte heim. Ungeduldig läutete er an der Wohnungstür. Als die Mutter schließlich öffnete, huschte er an ihr vorbei ins Wohnzimmer und schaltete den Fernsehapparat ein. Zufrieden schaute er sich die Kinderstunde an. Als sie zu Ende war, rief seine Mutter: "Michi, Abendessen ist fertig!"
Aber Michi war so sehr in einen neuen Film vertieft, dass er das Rufen der Mutter nicht hörte. Erst als sie ein zweites Mal gerufen hatte, kam er zögernd zu Tisch.
Nach dem Abendessen brachte ihn seine Mutter zu Bett und sagte: "Ich bin heute bei Frau Wichtig eingeladen. Ich werde nicht allzu lange wegbleiben. Schlaf gut!"
Als Mama weg war, lag Michi eine Weile ruhig da. Als er aber die Eingangstür zufallen hörte, warf er die Bettdecke zurück und kletterte schnell aus seinem Bett. Endlich war er allein! Er sauste ins Wohnzimmer und schaltete den Fernsehapparat ein. Das Abendprogramm hatte gerade begonnen. Ein Cowboy galoppierte auf seinem Pferd durch die Prärie und schoss auf seine Verfolger, die schon dicht hinter ihm waren.
Lange, sehr lange saß Michi vor dem Apparat. Inzwischen war es sehr spät geworden, und Michi hatte Mühe, die Augen offen zu halten.
"Uuuuaaaahhh", gähnte er laut und rieb sich verschlafen die Augen. Als er wieder aufblickte erschrak er. Wie aus dem Boden gewachsen stand plötzlich ein fremdartiges Männlein mitten im Raum. Woher war es so schnell gekommen? Michi klopfte das Herz bis zum Halse. Vorsichtig versteckte er sich hinter dem großen Sessel. Das Männchen stand jetzt vor dem Fernsehapparat und drehte flink an den Knöpfen herum. Der kleine Wicht war benahe so groß wie Michi. Sein Körper war ganz grün. Auf dem Kopf hatte er zwei lustige Antennen, und sein Ohren waren spitz.
Michi hatte sich inzwischen wieder von seinem Schrecken erholt, und da er sehr, sehr neugierig war, kam er hinter dem Sessel hervor. Er stellte sich mutig vor den Wicht und fragte ihn: "Wer bist du?"
Das Männchen machte eine kurze Verbeugung und antwortete mit eigenartig schriller Stimme: "Ich bin Zirp, der Fernsehwichtel. ich komme von einem anderen Stern! Ich bin auf die Erde gekommen, um eure Welt zu verschönern."
Michi war erstaunt. "Aber die ist doch ohnehin sehr schön."
Nach einer kleinen Pause fragte er weiter: "Woher kommst du eigentlich?"
"Vom Fernsehplaneten!" antwortete das Männchen stolz.
Ja, da war Michi sprachlos. Vom Fernsehplaneten hatte er noch nie gehört.
Zirp blinzelte mit seinen Augen nach allen Seiten. "Bei uns gibt es überall, aber wirklich überall, Fernsehapparate: Im Bad, im Schlafzimmer, im Wohnzimmer, im Kinderzimmer, am Klo - überall! Wir können abends vor dem Einschlafen und morgens gleich nach dem Aufwachen vom Bett aus fernsehen."
Michi war begeistert. "Ja, so etwas müsste es bei uns auch geben! Gleichzeitig baden und fernsehen, das habe ich mir schon immer gewünscht!"
Michis Augen leuchteten. In Gedanken malte er sich aus, wie herrlich es auf diesem Planeten sein müsste.
"Ich bin nun hierher gekommen, um aus der Erde einen Fernsehplaneten zu machen", erklärte der Wichtel.

"Am besten fange ich gleich hier in dieser Wohnung damit an. Wo ist die Küche?"
"Die Küche?" fragte Michi verwundert. "Willst du denn etwa auch in der Küche einen Fernsehapparat aufstellen?"
"Aber natürlich!" rief Zirp.
"Kann man denn gleichzeitig fernsehen und kochen?" fragte Michi.
"Selbstverständlich!", erwiderte das Männchen triumphierend. "Immer, wenn meine Frau in der Küche eine Dose Brei öffnet, hat sie den Fernsehapparat eingeschaltet", erzählte der Wichtel.
"Hm", meinte Michi nachdenklich. "Aber kann deine Frau auch fernsehen, wenn sie Kuchen bäckt, Fleisch brät oder Marmelade in Gläser füllt?"
Da fing Zirp an zu lachen. "Das tut bei uns keiner! Es gibt alles fertig zubereitet in Dosen!"
"Und wer bereitet die Speisen zu und füllt sie in Dosen?" fragte Michi.
"Computer", antwortete Zirp.
"Und welche Arbeit verrichtest du?"
"Arbeit?" Zirp lachte noch lauter. Dabei riss er den Mund so weit auf, dass Michi sehen konnte, dass der Wichtel gar keine Zähne hatte.
"Bei uns arbeiten nur Computer. Wir brauchen nur die richtigen Knöpfe zu drücken. Alles ist vollautomatisch."
Michi starrte das Männchen entsetzt an. Schließlich fasste er sich ein Herz und fragte: "Warum hast du keine Zähne?"
"Zähne? Wozu? Um Brei zu essen, braucht man doch keine Zähne. Und etwas Anderes essen Fernsehwichtel nicht."
"Du kannst also nicht kräftig in einen saftigen Apfel beißen oder knusprige Brezeln knabbern?"
"Natürlich nicht! Aber früher, als wir noch Fleisch und Obst aßen, hatten wir auch Zähne zum Beißen. Aber dann gab es immer mehr Fernsehgeräte. Die Leute saßen den ganzen Tag davor und hatten keine Zeit mehr zum Kauen. Damals hat man auf unserem Planeten mit der Herstellung von Brei begonnen. Zuerst fingen zwei oder drei Zähne an zu wackeln. Schließlich wackelten alle und fielen dann aus."
Zirp war bei seinen Erzählungen durch den Raum spaziert und hatte sich alles angesehen. Staunend blieb er vor dem großen Bücherschrank in der Ecke stehen.
"Was kann das sein?" murmelte er vor sich hin.
"Bücher, alles Bücher", erklärte Michi.
"Was macht man mit einem Buch?" fragte Zirp.
"Ein Buch kann man lesen", antwortete Michi. "In wenigen Minuten bringen mich die tollsten Geschichten rund um die Erde. Sie bringen mich in den fernen Orient oder in den tiefsten Dschungel Afrikas."
Zirp hatte still und aufmerksam zugehört. "Bei uns gibt es so etwas nicht. Ich habe noch nie ein Buch gesehen."
Ganz still war es nun im Wohnzimmer. Zirp hielt seinen Kopf gesenkt und sah zu Boden. Er schien nachzudenken. Dann sagte er leise: "Vielleicht ist es besser, wenn ich aus der Erde keinen Fernsehplaneten mache."
Er reichte Michi die Hand und meinte: "Ich muss wieder fort, Erdenkind."
Er drehte sich um, schaltete an einigen Knöpfen seines Gürtels und verschwand durch das Fenster. Michi gähnte, ging in sein Zimmer und legte sich ins Bett.
Am nächsten Morgen wachte er auf, weil ihm die Sonne hell ins Gesicht schien.
Als Mama später in sein Zimmer kam, setzte sie sich auf sein Bett und fragte ihn ein wenig traurig: "Du hast gestern Abend wieder ferngesehen, stimmt's?"
"Ferngesehen?" wiederholte Michi scheinheilig. Doch er hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen dabei.
"Ja, als ich gestern nach Hause kam, warst du im Wohnzimmersessel eingeschlafen. Du hast gar nicht gemerkt, wie ich dich ins Bett gebracht habe!"
Ach ja, jetzt erinnerte sich Michi wieder an alles! Aber hatte er das alles wirklich nur geträumt?
Eines jedenfalls wusste Michi genau: Er wollte kein Fernsehwichtel werden. Daher beschloss er, von nun an nur noch die Kindersendungen im Fernsehen anzuschauen.

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