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Die
Geschichte des Monats:
Michi und der Fernsehwichtel
Klara Kubicka
Wie ein geölter Blitz kam Michi die Straße herauf
gerannt. Gerade noch war er auf dem Sp ielplatz
gewesen. Aber als die Kirchturmuhr vier Uhr schlug, war Michi nicht mehr
zu halten.
Meine Güte, dachte er, in einer halben Stunde beginnt ja im Fernsehen die
Kinderstunde!
Und Michi rannte so schnell er konnte heim. Ungeduldig läutete er an der
Wohnungstür. Als die Mutter schließlich öffnete, huschte er an ihr vorbei
ins Wohnzimmer und schaltete den Fernsehapparat ein. Zufrieden schaute er
sich die Kinderstunde an. Als sie zu Ende war, rief seine Mutter: "Michi,
Abendessen ist fertig!"
Aber Michi war so sehr in einen neuen Film vertieft, dass er das Rufen der
Mutter nicht hörte. Erst als sie ein zweites Mal gerufen hatte, kam er
zögernd zu Tisch.
Nach dem Abendessen brachte ihn seine Mutter zu B ett
und sagte: "Ich bin heute bei Frau Wichtig eingeladen. Ich werde nicht
allzu lange wegbleiben. Schlaf gut!"
Als Mama weg war, lag Michi eine Weile ruhig da. Als er aber die
Eingangstür zufallen hörte, warf er die Bettdecke zurück und kletterte
schnell aus seinem Bett. Endlich war er allein! Er sauste ins Wohnzimmer
und schaltete den Fernsehapparat ein. Das Abendprogramm hatte gerade
begonnen. Ein Cowboy galoppierte auf seinem Pferd durch die Prärie und
schoss auf seine
Verfolger, die schon dicht hinter ihm waren.
Lange, sehr lange saß Michi vor dem Apparat. Inzwischen war es sehr spät
geworden, und Michi hatte Mühe, die Augen offen zu halten.
"Uuuuaaaahhh", gähnte er laut und rieb sich verschlafen die Augen. Als er
wieder aufblickte erschrak er. Wie aus dem Boden gewachsen stand plötzlich
ein fremdartiges Männlein mitten im Raum. Woher war es so schnell
gekommen? Michi klopfte das Herz bis zum Halse. Vorsichtig versteckte er
sich hinter dem großen Sessel. Das Männchen stand jetzt vor dem
Fernsehapparat und drehte flink an den Knöpfen herum. Der kleine Wicht war
benahe so groß wie Michi. Sein Körper war ganz grün. Auf dem Kopf hatte
er zwei lustige Antennen, und sein Ohren waren spitz.
Michi hatte sich inzwischen wieder von seinem Schrecken erholt, und da er
sehr, sehr neugierig war, kam er hinter dem Sessel hervor. Er stellte sich
mutig vor den Wicht und fragte ihn: "Wer bist du?"
Das Männchen machte eine kurze Verbeugung und antwortete mit eigenartig
schriller Stimme: "Ich bin Zirp, der Fernsehwichtel. ich komme von einem
anderen Stern! Ich bin auf die Erde gekommen, um eure Welt zu
verschönern."
Michi war erstaunt. "Aber die ist doch ohnehin sehr schön."
Nach einer kleinen Pause fragte er weiter: "Woher kommst du eigentlich?"
"Vom Fernsehplaneten!" antwortete das Männchen stolz.
Ja, da war Michi sprachlos. Vom Fernsehplaneten hatte er noch nie gehört.
Zirp blinzelte mit seinen Augen nach allen Seiten. "Bei uns gibt es
überall, aber wirklich überall, Fernsehapparate: Im Bad, im Schlafzimmer,
im Wohnzimmer, im Kinderzimmer, am Klo - überall! Wir können abends vor
dem Einschlafen und morgens gleich nach dem Aufwachen vom Bett aus
fernsehen."
Michi war begeistert. "Ja, so etwas müsste es bei uns auch geben!
Gleichzeitig baden und fernsehen, das habe ich mir schon immer gewünscht!"
Michis Augen leuchteten. In Gedanken malte er sich aus, wie herrlich es
auf diesem Planeten sein müsste.
"Ich bin nun hierher gekommen, um aus der Erde einen Fernsehplaneten zu
machen", erklärte der Wichtel. |
"Am besten fange ich
gleich hier in dieser Wohnung damit an. Wo ist die Küche?"

"Die Küche?" fragte Michi verwundert. "Willst du denn etwa auch in der
Küche einen Fernsehapparat aufstellen?"
"Aber natürlich!" rief Zirp.
"Kann man denn gleichzeitig fernsehen und kochen?" fragte Michi.
"Selbstverständlich!", erwiderte das Männchen triumphierend. "Immer, wenn
meine Frau in der Küche eine Dose Brei öffnet, hat sie den Fernsehapparat
eingeschaltet", erzählte der Wichtel.
"Hm", meinte Michi nachdenklich. "Aber kann deine Frau auch fernsehen,
wenn sie Kuchen bäckt, Fleisch brät oder Marmelade in Gläser füllt?"
Da fing Zirp an zu lachen. "Das tut bei uns keiner! Es gibt alles fertig
zubereitet in Dosen!"
"Und wer bereitet die Speisen zu und füllt sie in Dosen?" fragte Michi.
"Computer", antwortete Zirp.
"Und welche Arbeit verrichtest du?"
"Arb eit?"
Zirp lachte noch lauter. Dabei riss er den Mund so weit auf, dass Michi
sehen konnte, dass der Wichtel gar keine Zähne hatte.
"Bei uns arbeiten nur Computer. Wir brauchen nur die richtigen Knöpfe zu
drücken. Alles ist vollautomatisch."
Michi starrte das Männchen entsetzt an. Schließlich fasste er sich ein
Herz und fragte: "Warum hast du keine Zähne?"
"Zähne? Wozu? Um Brei zu essen, braucht man doch keine Zähne. Und etwas
Anderes essen Fernsehwichtel nicht."
"Du kannst also nicht kräftig in einen saftigen Apfel beißen oder
knusprige Brezeln knabbern?"
"Natürlich nicht! Aber früher, als wir noch Fleisch und Obst aßen, hatten
wir auch Zähne zum Beißen. Aber dann gab es immer mehr Fernsehgeräte. Die
Leute saßen den ganzen Tag davor und hatten keine Zeit mehr zum Kauen.
Damals hat man auf unserem Planeten mit der Herstellung von Brei begonnen.
Zuerst fingen zwei oder drei Zähne an zu wackeln. Schließlich wackelten
alle und fielen dann aus."
Zirp war bei seinen Erzählungen durch den Raum spaziert und hatte sich
alles angesehen. Staunend blieb er vor dem großen Bücherschrank in der
Ecke stehen.
"Was kann das sein?" murmelte er vor sich hin.
"Bücher, alles Bücher", erklärte Michi.
"Was macht man mit einem Buch?" fragte Zirp.
"Ein Buch kann man lesen", antwortete Michi. "In wenigen Minuten bringen
mich die tollsten Geschichten rund um die Erde. Sie bringen mich in den
fernen Orient oder in den tiefsten Dschungel Afrikas."
Zirp hatte still und aufmerksam zugehört. "Bei uns gibt es so etwas nicht.
Ich habe noch nie ein Buch gesehen."
Ganz still war es nun im Wohnzimmer. Zirp hielt seinen Kopf gesenkt und
sah zu Boden. Er schien nachzudenken. Dann sagte er leise: "Vielleicht ist
es besser, wenn ich aus der Erde keinen Fernsehplaneten mache."
Er reichte Michi die Hand und meinte: "Ich muss wieder fort, Erdenkind."
Er drehte sich um, schaltete an einigen Knöpfen seines Gürtels und
verschwand durch das Fenster. Michi gähnte, ging in sein Zimmer und legte
sich ins Bett.
Am nächsten Morgen wachte er auf, weil ihm die Sonne hell ins Gesicht
schien.
Als Mama später in sein Zimmer kam, setzt e sie sich auf sein Bett und
fragte ihn ein wenig traurig: "Du hast gestern Abend wieder ferngesehen, stimmt's?"
"Ferngesehen?" wiederholte Michi scheinheilig. Doch er hatte ein ziemlich
schlechtes Gewissen dabei.
"Ja, als ich gestern nach Hause kam, warst du im Wohnzimmersessel
eingeschlafen. Du hast gar nicht gemerkt, wie ich dich ins Bett gebracht
habe!"
Ach ja, jetzt erinnerte sich Michi wieder an alles! Aber hatte er das
alles wirklich nur geträumt?
Eines jedenfalls wusste Michi genau: Er wollte kein Fernsehwichtel werden.
Daher beschloss er, von nun an nur noch die Kindersendungen im Fernsehen
anzuschauen. |