November 03
 

Für Kids Geschichten Wissenswertes Geburtstage Spiele

 

Die Geschichte des Monats:

Der Feuervogel

 

 

Vor langer Zeit, als die Welt noch jung war, kannten die Indianer das Feuer nicht. sie mussten ihr Fleisch roh essen. Im Winter saßen sie frierend in ihren Hütten.
Da geschah es, dass eines Tages ein seltsamer Vogel mit leuchtenden Federn in eines der Dörfer geflogen kam. Er spreizte die Schwanzfedern und schlug mit den Flügeln. Kleine rote Lichter tanzten auf seinen Federn.
Ein paar Männer holten Pfeil und Bogen und wollten den Vogel töten. Andere aber sagten: "Nein, tötet ihn nicht!"
"Schöner Vogel", fragten sie, "was funkelt und leuchtet da so auf deinem Gefieder?"
"Das ist Feuer", sagte der Vogel.
"Feuer? Was ist das?", fragten die Indianer.
"Feuer wärmt im Winter", antwortete der Vogel. "Am Feuer wird Fleisch gebraten, damit keiner es roh essen muss."
"Gib uns das Feuer, schöner Vogel!", baten die Indianer.
"Ich gebe es dem, der am würdigsten ist", sagte der Vogel. "Sammelt dürres harziges Holz, einen Zweig für jeden."
Alle im Dorf sammelten Holz und stellten sich bereit, jeder mit einem dürren harzigen Zweig in der Hand.
"Der Würdigste wird mich erreichen", sagte der Vogel, breitete die Flügel aus und flog davon.
Alle rannten ihm nach, Jung und Alt, Frauen und Männer und Kinder. Sie sprangen über Steine, sie kletterten über Felsen. Sie wateten durch Bäche und schwammen über Flüsse. Jeder von ihnen wollte den Vogel als erstes erreichen, um damit in ihrem Dorf zu Ruhm und Ehre zu gelangen.
Der Vogel flog und flog, und immer war er allen ein Stück voraus. Das Leuchten und Glühen seiner Federn leitete sie - im Dunkel der Wälder, in der weiten Prärie, über Hügel und Sümpfe.
Mit der Zeit wurden die Menschen aus dem Dorf müde. Beim Waten durch die Sümpfe waren sie nass und schmutzig geworden. Beim Klettern über die Felsen hatten sie sich Arme und Beine aufgeschürft. Ihre Kleider waren von den Dornen zerrissen.
"Wir wollen heimgehen", sagten die einen, "wer weiß, ob der Vogel die Wahrheit gesprochen hat".
Andere sagten: "Es ist zu gefährlich, dem Vogel zu folgen. Was ist, wenn wir in den Sümpfen umkommen?"
Wieder andere kehrten um, weil sie nicht mehr daran glaubten, dass sie den Vogel jemals einholen könnten. Alle waren sie sehr traurig.

 

Zuletzt waren es nur noch ganz wenige, die hinter dem Vogel herliefen.
Endlich aber holte ihn einer der Männer ein. Er war überglücklich.
"Schöner Vogel", sagte der Mann, "gib mir dein Feuer! Ich bin dir durch Sümpfe und Wälder und über die weite Prärie nachgelaufen. Ich habe dich als Erster erreicht."
"Das ist wahr", sagte der Vogel. Aber hast du nicht gesehen, wie der Junge, der neben dir lief, in ein Sumpfloch gefallen ist? Warum hast du ihn nicht herausgezogen? Nein, dir gebe ich das Feuer nicht!"
Und der Vogel breitete die Flügel aus und flog weiter.
Nicht lange danach holte ihn wieder einer der Männer ein. Langsam und vorsichtig näherte er sich dem Tier.
"Schöner Vogel", sagte der Mann, "gib mir dein Feuer! Ich bin dir durch Sümpfe und Wälder und über die weite Prärie nachgelaufen. Ich habe dich eingeholt!"
"Das ist wahr", sagte der Vogel. "Aber hast du nicht gesehen, wie die Frau, die neben dir lief, im Dornengestrüpp stecken geblieben ist? Warum hast du ihr nicht herausgeholfen? Nein, dir gebe ich das Feuer nicht!"
Und der Vogel flog weiter.
Der Mann musste ohne das Feuer heimkehren. Nun wollte keiner mehr dem Tier nachlaufen.
Der Vogel aber flog mit funkelndem Gefieder ins Dorf zurück. In einer der Hütten bereitete eine junge Frau gerade ein Mahl für ihren alten, kranken Vater.
Der Vogel flog in die Hütte.
"Nimm deinen Zweig", sagte er zu der jungen Frau, "und berühre damit meine Federn. Du bist es, die deinem Volk das Feuer bringen wird."
"Aber ich habe doch nichts getan, womit ich das verdient hätte", antwortete die junge Frau. "Ich bin dir nicht nachgelaufen, schöner Vogel, denn mein Vater ist alt und krank, und ich kann ihn nicht allein lassen. Ich bin nicht würdig, das Feuer meinem Volk zu bringen."
"Du bist würdig", antwortete der Vogel, "denn dein Herz ist gut. Du hast deinen armen alten Vater nicht im Stich gelassen. So nimm das Feuer!"
Da berührte die junge Frau mit ihrem dürren Zweig die leuchtenden Federn. Rote Flämmchen sprangen von den Federn auf den dürren Ast und entzündeten ihn, bis er lichterloh brannte.
Der leuchtende Vogel flog fort. Die junge Frau aber brachte das Feuer in die anderen Hütten. Von nun an genoss sie bei ihrem Volk sehr hohes Ansehen.
Seit damals essen die Indianer ihr Fleisch nicht mehr roh, und im Winter, wenn es bitterkalt ist, brennt Feuer in ihren Hütten und wärmt sie.

Eine Legende der Cowichan-Indianer (Nordamerika) von Käthe Recheis

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